Zeitarbeit: bei M+E der Einstieg in den Aufstieg

Göksel Erdönmez erreicht bei BorgWarner die Übernahme

Die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie benötigen flexible Beschäftigungsverhältnisse wie Zeitarbeit, um Personalengpässe bei besonders hohen Produktnachfragen abzufedern. Davon profitieren auch die Arbeitnehmer: Oft erreichen sie bereits nach wenigen Monaten die Übernahme in eine reguläre Anstellung. M+E-Betriebe zeigen damit ihre Wertschätzung für die Arbeit von Zeitarbeitern wie Göksel Erdönmez. Seine Laufbahn bei BorgWarner ist eine Aufsteigergeschichte im Herz der Wirtschaft.

Eine Rakete ist Göksel Erdönmez nicht. Eher ein Tischfeuerwerk. Keiner, der irgendwo schnell und wild durch die Gegend schießt, und kaum, dass er ganz oben ist, schon wieder erlischt und abstürzt. Sondern einer, der eine gewisse Vorbereitungszeit braucht, in dem man erst etwas entzünden muss, das dann langsam schwelt und schließlich lange und bunt brennt.

Er hat länger gebraucht, bis er sich so richtig für einen Beruf begeistern konnte. Fast zehn Jahre Anlaufschwierigkeiten lagen zwischen Erdönmez‘ Hauptschulabschluss und dem ersten Mal, dass er seine Ansprüche ans Arbeitsleben auch verwirklicht sah. „Meine Vorstellung war nur, einen festen, langfristigen Job zu haben, der mir Spaß macht und wo meine Arbeit wertgeschätzt wird“, sagt der 34-Jährige, der gerade die Meisterschule für Industriemechaniker besucht. „Aber es hat sich nirgends so ergeben wie hier bei BorgWarner.“

Erdönmez sitzt in einem Besprechungsraum, die zurückweichenden Haare trägt er kurzgeschoren, dazu einen akkurat gestutzten Bart und eine schwarze Brille. Wenn er spricht, tut er das sanft, fast leise und mit ineinander verschränkten Fingern. Dann spricht einer, der offensichtlich ganz bei sich ist. Endlich. „Ich wurde hier aufgenommen und wahrgenommen“, sagt er. Sechs Worte, die eine Aufsteigergeschichte aus dem Herz der Wirtschaft auf den Punkt bringen.

M+E-Industrie bietet Zeitarbeitern gute Chancen für reguläre Arbeit

„Das ist eine echte Erfolgsstory“, sagt auch Karsten Weber, der Personalleiter des BorgWarner-Standorts Markdorf. In dem Werk nahe des Bodensees entwickeln und fertigen rund 300 Mitarbeiter vor allem Motorkühlsysteme, eingebettet in den amerikanischen BorgWarner-Konzern, der mit Automobilzulieferung zuletzt 8,3 Mrd. Dollar umgesetzt hat.

Erdönmez‘ erster Arbeitstag in Markdorf war der 1. August 2006, zwei Wochen war er von einer Zeitarbeitsfirma ausgeliehen, als Urlaubsvertretung in der Dauernachtschicht. Seitdem ging es Schlag auf Schlag: neue Abteilung, mehr Verantwortung, Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis, Ausbildung nachgeholt und vorzeitig beendet, Meisterschule begonnen.

„Man hat mich hier sehr schnell ins Boot geholt“, erinnert Erdönmez sich. In seinen Erzählungen läuft vieles letztlich darauf hinaus, wie wichtig ihm Vertrauen und die persönliche wie fachliche Anerkennung sind. Wo das fehlte, habe er nicht bleiben wollen, sagt er. In den Jahren vor BorgWarner hatte er als Zeitarbeiter ein unstetes Arbeitsleben. „Ich weiß gar nicht, in wie vielen Unternehmen ich schon unterwegs war. Ich habe mich bei keinem wertvoll gefühlt, niemand hat mir das Gefühl gegeben, dass meine Arbeit irgendetwas bedeutet.“

Dabei ist er einer, der in Mathe und den Naturwissenschaften immer gut war und sich nur „mit Nebenfächern“ einen guten Hauptschulabschluss verbaut hat. Für den seit seiner Jugend feststand, dass er handwerklich arbeiten wollte. Der seinen Antrieb so formuliert: „Wenn ich etwas sehe und nicht verstehe, will ich wissen, wie das funktioniert. Für mich ist das Schlimmste, wenn mich jemand etwas fragt und ich habe keine Antwort.“ Einer, der aber seine erste Lehre als Stuckateur nach eineinhalb Jahren abgebrochen hatte, weil es mit den Aufgaben und dem Chef nicht passte. Der dann eben von Firma zu Firma tingelte, immer auf der Suche nach einer, die ihn haben wollen. Der in der Logistik arbeitete, an CNC-Maschinen, als Flaschner und der auch eine einjährige Weiterbildung zur Metallbearbeitung durchlief. „So vergingen die Jahre. Und je älter ich wurde, desto schwerer hatte ich es.“

Vergeudete Zeit sei das zwar nicht gewesen, sagt Erdönmez, er habe ja fachlich überall etwas mitgenommen. Aber was ihm fehlte, war die Anerkennung. Und darauf aufbauend eine Jobperspektive. Wie eine Nummer habe er sich bei vielen Firmen gefühlt.

Flexible Beschäftigungsverhältnisse verbessern Chancen am Arbeitsmarkt

Nicht so bei BorgWarner. „Er hat sich sehr stark hervorgetan, ist aus der Masse herausgestochen“, sagt Weber. Es fiel auf, das Erdönmez mehr als seine eigentlich zugedachten Tätigkeiten verrichtete, dass er sich engagierte, im Team integrierend wirkte, Aufgaben übernahm, „die teils schon führenden Charakter haben“. Erdönmez schildert das ganz nüchtern, als Resultat seiner Neugier: „Ich wollte das alles lernen. Während der Urlaubsvertretung war ich nur ein Maschinenbediener an einer Montagelinie. Die Maschinen daneben haben mich dann auch irgendwann interessiert, und so hatte ich irgendwann alle Maschinen durch, kannte sie in- und auswendig.“ BorgWarner stellte ihn fest ein, machte ihn zum Liniencoach, eine Funktion, in der man sowohl technische Probleme einschätzen und beheben als auch Personalplanung machen muss. „Mitarbeitern, die Potenzial zeigen, übertragen wir neue Aufgaben, um sie aus ihrer Komfortzone herauszuholen“, sagt Weber. „Und jedes Mal hat er mehr eingefordert.“

Den vielleicht wichtigsten Schritt machte Erdönmez im September 2010. Sein Aufstieg drohte zu enden, mehr Verantwortung konnte BorgWarner einem Ungelernten nicht geben. Also hieß es: eine Ausbildung beginnen und diesmal auch abschließen, mit 30 Jahren. „Ich wollte nicht stehenbleiben, mich entwickeln, etwas Handfestes haben.“ Dafür ertrug er auch die großen finanziellen Einbußen. Er musste sich das Lernen wieder beibringen, profitierte in einigen Bereichen aber auch von seinem Vorwissen aus dem Job. Er setzte sich mit lauter Jugendlichen in die Berufsschule, zu deren Lebenswelt er einerseits wenig Kontakt hatte, die ihn andererseits aber als erfahrenen Ratgeber betrachteten und zum Klassensprecher wählten.

Natürlich habe er Angst vor Niederlagen gehabt, sagt er, davor, es nicht zu schaffen. Und seine Freundin sei auch nicht unbedingt erfreut gewesen über den Gehaltsknick. Als die ersten Prüfungsergebnisse eintrafen, legten sich die Versagensängste. Abgeschlossen hat Erdönmez seine Ausbildung schon im Juli 2013, „im Zeugnis stand eine 1,9 oder 2,0“. Mit seiner damaligen Freundin ist er inzwischen verheiratet, das erste Kind ist auf dem Weg.

M+E-Arbeitnehmer profitieren von Fort- und Weiterbildung

„Womit ich mich schwergetan habe in der Ausbildung: mit der Frage, warum ich das nicht früher gemacht habe“, sagt Erdönmez. „Eine Antwort darauf habe ich nicht.“

Suchen muss man diese Antwort wohl wieder im Emotionalen. Darin, was die Ausbildung für sein Selbstwertgefühl getan hat, und darin, dass BorgWarner das mit noch mehr Vertrauen und Zutrauen honoriert hat. Wenn Erdönmez heute durch die Halle zur Produktionslinie HD3 für schwere Lkw-Lüfterkupplungen geht, strahlt er noch immer und noch viel stärker dieses Gefühl des Aufgehobenseins aus, das er schon im Besprechungsraum vermittelt hatte. Schichtführer ist er inzwischen, mit Verantwortung für fünf Kolleginnen und Kollegen an zwei Linien. 2014 hat er mit der Meisterschule begonnen, 2016 will er fertig sein. Und plötzlich sitzt er auch wieder mit Gleichaltrigen im Klassenraum. Die haben zwar früher eine Ausbildung abgeschlossen, haben dann aber länger gebraucht für den Schritt zum Meister. Sollte Erdönmez mal gefürchtet haben, dass er zu spät dran ist – inzwischen hat er alles aufgeholt. Wie weit es noch gehen soll, hat er nicht festgelegt: „Ich setze mir nicht zu hohe Ziele, denn wenn man das macht, fällt man auch tief. Nach dem Meister sehen wir weiter.“

Auf seinen Arbeitgeber könnte er dabei sicher zählen. Man pflege eine „unruhige Personalkultur“, sagt Weber. „Wir wollen Mitarbeitern ständig neue Möglichkeiten eröffnen.“ Mit beiderseitigem Engagement gelängen dann auch solche außergewöhnlichen Lebensläufe wie der von Göksel Erdönmez. „Wir haben nichts anderes getan, als ihm zu vertrauen.“

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Foto: dpa Picture-Alliance/Daniel Maurer