„Wirtschaft muss einen höheren Stellenwert bekommen“

Warum Nordrhein-Westfalen ein eigenes Schulfach für die ökonomische Bildung einführt

Mathias Richter, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen, erklärt, warum sein Bundesland Wirtschaft als Schul-Pflichtfach einführt und warum er sich davon auch Hilfe gegen den Fachkräftemangel verspricht.

Herr Richter, wie und wo haben Sie etwas über Wirtschaft gelernt?

Richter: Das hat sich bei mir aus verschiedenen Richtungen ergeben. Da war zum einen mein persönliches Interesse an wirtschaftlichen Themen. Ich habe schon früh damit begonnen, morgens intensiv den Wirtschaftsteil in unserer Tageszeitung zu studieren. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, habe ich meine Eltern gefragt. Später sind daraus dann auch schon mal inhaltliche Diskussionen am Frühstückstisch geworden. Die haben sich dann teilweise auf dem Schulhof und bei einigen Lehrern auch im Unterricht fortgesetzt. Dass ich mich schließlich für ein Studium der Volkswirtschaftslehre entschieden habe, hat im Familien- und Freundeskreis dann niemanden mehr wirklich überrascht.

An Schulen in Nordrhein-Westfalen wird bald Wirtschaft als Pflichtfach eingeführt. Reichen Diskussionen am Frühstückstisch und Fächer wie Politik und Geschichte nicht mehr aus, um Schülern grundlegende Wirtschaftskenntnisse zu vermitteln?

Richter: Wir wollen der ökonomischen Bildung den Stellenwert einräumen, den sie verdient. Denn es ist doch unbestritten so, dass die Wirtschaft einen der Eckpfeiler unseres Zusammenlebens bildet. Und gerade weil dieses Thema in vielen Familien nicht mehr so intensiv diskutiert wird, müssen die Kinder und Jugendlichen in den Schulen etwas über wirtschaftliche Zusammenhänge lernen. Die Vermittlung ökonomischer Kompetenzen soll deshalb nicht einfach irgendwo mitlaufen, sondern spürbar gestärkt werden. Deshalb braucht es das Fach Wirtschaft, das später auch auf den Zeugnissen auftaucht.

Natürlich gibt es Schnittstellen mit anderen Fächern, die wir sinnvoll nutzen wollen. An Gymnasien wird es in Zukunft das Fach Wirtschaft/Politik geben, in dem sowohl wirtschaftliche als auch politische Zusammenhänge vermittelt werden. Ähnlich wollen wir bei der Einführung eines Schulfachs „Wirtschaft“ an den anderen Schulformen der Sekundarstufe I vorgehen.

Was sollen Schüler im Fach Wirtschaft konkret lernen?

Richter: Sie erinnern sich sicherlich an den Tweet einer Schülerin, die in vier Sprachen Gedichte analysieren kann, aber nichts von Mietverträgen und Steuererklärung versteht. Um eins klarzustellen: Die allgemeinbildenden Schulen tragen ihren Namen nicht umsonst. Sie sollen Allgemeinbildung vermitteln und dazu gehören Fremdsprachen ebenso wie Kenntnisse über Literatur. Zugleich sollen unsere Schülerinnen und Schüler an den Schulen auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet werden. Dazu gehören Wirtschafts- und Alltagskompetenzen: Das umfasst Kenntnisse unserer Wirtschaftsordnung ebenso wie Fragen nach Miet- oder Versicherungsvertrag. Die Lehrpläne für das Gymnasium werden bei der Umstellung auf G9 schon dahingehend überarbeitet. Im Frühjahr 2019 werden wir dann die Lehrplankommissionen für die anderen Schulformen einsetzen.

Der deutschen Wirtschaft fehlen Fachkräfte. Liegt das auch daran, dass vielen Schülern die Wirtschaft und die Chancen, die sie ihnen bietet, fremd sind?

Richter: Der Fachkräftemangel ist für die deutsche Wirtschaft und damit für unsere Gesellschaft insgesamt ein riesengroßes Problem. Dementsprechend ist die Lösung dieses Problems auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften, Politik – jeder muss in seinem Bereich einen Teil dazu beitragen. Für die Schulen bedeutet das vor allem: Aufmerksamkeit schaffen, Interesse wecken und Grundlagen vermitteln. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass auch in den Familien wieder mehr über politische und wirtschaftliche Themen gesprochen und diskutiert wird.

Kann das Schulfach Wirtschaft Schülern ein realistisches Bild ihrer beruflichen Perspektiven vermitteln?

Richter: Ein Schulfach Wirtschaft soll vor allem dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler die Welt, in der sie aufwachsen und leben, besser verstehen. Am Ende ihrer Schullaufbahn sollen sie ihren weiteren Lebensweg nach eigenen Vorstellungen gestalten können. Für viele Jugendliche ist das mit der Frage verbunden: Ausbildung oder Studium? Um darauf die richtige Antwort finden zu können, braucht es an den Schulen vor allem gute Angebote zur Berufsorientierung. Solche Angebote wollen wir in Nordrhein-Westfalen intensivieren. Dementsprechend werden wir die berufliche Bildung zu einem Schwerpunkt unserer zukünftigen Arbeit machen.

Kann das Schulfach Wirtschaft dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu lindern, der gerade auch der Metall- und Elektro-Industrie zu schaffen macht?

Richter: Ja. Wenn die Schülerinnen und Schüler verstehen, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert, wenn sie begreifen, welche Rolle die Industrie in unserem Land spielt, dann eröffnet das natürlich ganz neue Perspektiven – auch für das Berufsleben. Die Schule wird den Unternehmen und Verbänden aber nicht die Aufgabe abnehmen, um den eigenen, gut qualifizierten Nachwuchs zu werben.

Kritiker fürchten, dass Wirtschaft als Schulfach zu einer Durchökonomisierung der Schule führt und Lobbyisten anzieht.

Richter: Diese Einschätzung teile ich ausdrücklich nicht. Es gibt klare Regeln für das Zusammenspiel von Schule und Wirtschaft. Diese Regeln gelten auch weiterhin. Wer aber die Bedeutung ökonomischer Bildung heute noch ernsthaft bezweifelt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Die Wirtschaft ist das Fundament unseres Wohlstands und für unser Zusammenleben von zentraler Bedeutung. Unsere Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn die Wirtschaft darin selbstverständlich ihren Platz hat. Und gerade die Metall- und Elektroindustrie mit ihren 200.000 Azubis und den rund acht Millionen Arbeitsplätzen, die von ihr abhängen, ist für uns alle unverzichtbar. Es wäre unverantwortlich, den Kindern und Jugendlichen das nötige Wissen über diesen wichtigen Lebensbereich vorzuenthalten.