Wie Digitalisierung innovative Fachkräftesuche und Ausbildung ermöglicht

Über die Digitalisierung findet Siemens trotz Fachkräftemangel und Pandemie Azubis. Wie der Konzern seine Ausbildung fit für den Wandel macht.

Mit Fachkräftemangel, Digitalisierung, Dekarbonisierung und der Pandemie stehen die Unternehmen zurzeit vor vielen Herausforderungen. Wir haben mit Barbara Ofstad, Ausbildungsleitung Deutschland bei Siemens, darüber gesprochen, wie sich der Technologiekonzern vor diesem Hintergrund für die Ausbildung engagiert.
Mehr als 3.600 Azubis und Dualstudenten bereitet Siemens jährlich auf die Zukunft vor und integriert laufend aktuelle Trends in die Aus- und Weiterbildung. Ein enormer Aufwand auch für Großunternehmen, die die Förderpolitik nicht vergessen sollte.

Im März 2020, kurz nach Beginn des ersten Lockdowns, gab es bei Siemens eine Premiere. Der Girls‘ Day stand an – und wurde „ganz schnell virtualisiert“, wie Barbara Ofstad sich erinnert. Mit Erfolg: „Wir hatten die doppelte Teilnehmerzahl wie sonst.“ Die Jugendlichen waren viel zu Hause. Und damit noch öfter als sonst in den sozialen Medien unterwegs.

Die Erfahrung mit dem digitalen Girls‘ Day hat das Ausbildungsmanagement ermutigt, weitere Berufsorientierungsformate zu digitalisieren und kräftig auf Instagram, YouTube, LinkedIn und Twitter zu bewerben.
Wenige Wochen später fand die erste virtuelle Ausbildungsmesse statt. „Dort gibt es virtuelle Räume, in denen es zum Beispiel eine Livebühne gibt, auf der unter anderem ich Bewerbungstipps gegeben habe, ein Quiz oder auch Ausbildungsinformationen. Die Besucher können außerdem live mit Auszubildenden und Trainern chatten“, erklärt Ofstad. Das SIEYA genannte, komplett digitale Event war mit 3.900 Besuchern so gut besucht, dass es seitdem regelmäßig stattfindet.

Umstellung auf digitale Formate führt zu mehr Bewerbungen für eine Ausbildung

Schnell bauten die Siemens-Ausbilder weitere Digitalformate auf – rund sechs Mal im Jahr gibt Siemens so seit vergangenem Jahr zusammen mit Microsoft und SAP im Format „Digital Insights“ Einblicke in Hightechunternehmen. Über Online-Games, auf die Siemens auch das Online-Assessment nach der Bewerbung umgestellt hat, Kennenlerngespräche mit verschiedenen Professionals und vielem mehr lernen junge Leute die Konzerne kennen. „Während wir mit der Messe auf Bewerbersuche sind, geht es uns hier einfach darum, Schülerinnen und Schüler hinter die Kulissen gucken zu lassen. Mit beiden Angeboten konnten wir Terrain gutmachen, das wir in der Pandemie gar nicht hätten besetzen können“, so Ofstad. Mit dem Ergebnis, dass die Bewerberzahlen 2020 trotz Pandemie gestiegen sind.

 

 

„Wir stellen Inhalte, die wir für die Ausbildung konzipiert haben, auch für die technische Weiterbildung zur Verfügung. Im Moment sehen wir, dass die Nachfrage hier zunimmt, weil auch gestandene Facharbeiter gerade im Hinblick auf Digitalisierung wirklich Interesse haben, ihre Kompetenzen zu erweitern. Auch das ist Teil unserer Antwort auf den Facharbeitermangel: dass Kollegen, egal welchen Levels, leicht dazulernen können.“

 
Barbara Ofstad, Ausbildungsleiterin Deutschland bei Siemens

 

„Das hat uns ein Stück weit gerettet“, sagt die Ausbildungsleiterin. Denn selbst, wenn Siemens als großer High Tech-Konzern für viele Bewerberinnen und Bewerber interessant ist und seine Ausbildungsplätze noch immer besetzen konnte: „Auch wir haben in den letzten fünf, sechs Jahren die abnehmenden Bewerberzahlen gespürt.“ Auch deshalb hat der Konzern Bewerbergruppen im Blick, die keinen ganz schnurgeraden Lebenslauf haben.

Seit 2016 Jahren gibt es für Flüchtlinge ein Programm, das sie auf eine Ausbildung vorbereitet – im Konzern selbst oder bei Partnerunternehmen. „Hier geht die Nachfrage inzwischen etwas zurück. Stabil ist seit vielen Jahren aber unser Kontingent von rund zehn Prozent der Ausbildungsplätze für Menschen, deren Lebensläufe etwas ungewöhnlicher sind, ganz egal warum.“ Viel wichtiger als Schulnoten sind dem Unternehmen soziale Kompetenzen wie Lernfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Resilienz und die Offenheit für lebenslanges Lernen: „Wie reagiere ich, wenn ich mal etwas nicht verstehe, wo hole ich mir Hilfe“, nennt Ofstad ein Beispiel.

 

Ob 3D-Druck, Digital Twins oder Low Coding: Siemens passt seine Ausbildung laufend an neue Trends der Digitalisierung an.
Ob 3D-Druck, Digital Twins oder Low Coding: Siemens passt seine Ausbildung laufend an neue Trends der Digitalisierung an. / Foto: SIEMENS

Trends der Digitalisierung und Dekarbonisierung gehen laufend in Ausbildung ein

Diese Offenheit fordern besonders Megatrends wie Digitalisierung und Dekarbonisierung. Schon vor rund sieben Jahren arbeitete das Ausbildungsteam eine Digitalisierungs-Roadmap aus, die Siemens seit 2017 in allen Ausbildungsberufen und dualen Studiengängen ausrollt.

„Wir leisten uns dazu eine kleine, zentrale Abteilung in der Ausbildung, die Innovationstrends aufspürt und mit internen und externen Stakeholdern wie Forschungsinstituten, Universitäten oder Kunden diskutiert.“ Die Ausbildungsleitung entscheidet dann darüber, wann welche Trends in der Ausbildung umgesetzt werden. Am Anfang waren das Themen wie additive Fertigung und 3D-Druck, dann kamen Digital Twins als komplett nach dem realen Vorbild digitalisierte Fabriken. Aktuell steht das Low Coding auf dem Plan, ein durch Kombinieren von Softwarebausteinen vereinfachtes Programmieren von Anwendungen.

Neben Trends der Digitalisierung schlägt sich das Thema Nachhaltigkeit immer mehr in der Ausbildung nieder, wie Ausbildungsleiterin Ofstad berichtet: „Dafür haben wir in den verschiedenen Geschäften diskutiert, welche Themen und Green Skills wir aufgreifen. Aktuell haben wir zwei bis drei Tage in allen Ausbildungen und dualen Studiengängen für gamifizierte Workshops in enger Abstimmung mit dem Produkt-Lebenszyklus-Management eingeführt. Dabei durchlaufen die jungen Leute die verschiedenen Schritte und nehmen virtuell bestimmte Optimierungen für eine bessere Nachhaltigkeit vor – das Ganze mit Gruppenarbeit und viel Spaß am Wettbewerb.“

 

Der Bedarf an Fachkräften in Elektronikberufen ist bei Siemens ungebrochen, im IT-Bereich wächst er laufend.
Der Bedarf an Fachkräften in Elektronikberufen ist bei Siemens ungebrochen, im IT-Bereich wächst er laufend. / Foto: SIEMENS

Auch Großunternehmen haben Förderbedarf für die Qualifikation von Fachkräften

All das bedeute Investitionen auf hohem Niveau, so Ofstad: „Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Zuschüsse für Aus- und Weiterbildung nicht nur kleineren Unternehmen zugutekommen. Dass sie mehr gefördert werden, ist sicher legitim. Aber man darf nicht vergessen, dass Großbetriebe enormen Aufwand betreiben, um der großen Anzahl an Mitarbeitenden und Azubis hochqualitative Programme anbieten zu können.“

Aber nicht nur die Ausbildungspläne wandeln sich bei Siemens mit den Trends. Auch die Stellenanzeigen werben für neue Ausbildungsberufe oder duale Studiengänge. „Kaufleute für Büromanagement haben wir in der Ausbildung zum Beispiel durch Kaufleute für Digitalisierungsmanagement abgelöst und den Elektroniker Betriebstechnik durch Elektroniker IT/IoT für Gebäudemanagement, für das Thema Internet of Things“, sagt Ofstad. Auch die dualen Studiengänge setzt Siemens laufend neu auf, um wichtige Digitalthemen abzudecken: beispielsweise über die Bachelor-Studiengänge Embedded Systems, Integrated Engineering oder Robotik. „Zusammenfassend sind für uns Elektronikberufe nach wie vor die wichtigsten, aber die Informatikberufe werden wichtiger. Kaufmännische oder Metallberufe brauchen wir dagegen nicht mehr flächendeckend.“

Fotos: SIEMENS