„Unser Arbeitszeitgesetz muss modernisiert werden“

Warum individuelle Regelungen immer besser sind als starre Arbeitszeitgesetze

Ob im Büro oder zu Hause, ob morgens, mittags oder abends: Flexibles Arbeiten wird immer beliebter. Das Problem: Viele Unternehmen wollen Arbeitsverhältnisse flexibel gestalten – doch das Arbeitsrecht macht ihnen oft einen Strich durch die Rechnung. Tobias Schommer, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Hamburg, kennt die Probleme – und zeigt Lösungsansätze auf.

Herr Schommer, die Arbeitswelt verändert sich rasant. Kommt das Arbeitszeitgesetz da noch hinterher?

Schommer: Nicht wirklich. Weite Teile des Arbeitszeitgesetzes stammen noch aus der Arbeitszeitordnung des vergangenen Jahrhunderts und sind nicht annähernd an die heutigen Anforderungen moderner Unternehmen angepasst.

Wo sehen Sie den größten Reformbedarf?

Schommer: Ganz klar bei der Regelung der Arbeits- und Ruhezeiten. Ein Beispiel: Sie wollen vormittags arbeiten, sich danach um die Kinder kümmern, und sich dann abends nochmal zuhause an den Schreibtisch setzen. Manche Arbeitnehmer müssen auch abends arbeiten, um sich mit Kollegen zu besprechen, die in anderen Zeitzonen sitzen. Wer aber um Mitternacht mit Kollegen in den USA telefoniert und morgens um 8 schon wieder im Büro sitzt, hält sich nicht an die gesetzlich vorgegeben Ruhezeiten.

Wie können neue gesetzliche Leitlinien aussehen, um dieses Problem zu lösen?

Schommer: Es muss möglich sein, die Arbeit flexibler zu gestalten und Angestellten mehr Eigenverantwortlichkeit zu geben. Statt starrer Ruhezeiten und einer maximalen täglichen Arbeitszeit wäre es sinnvoller, eine Wochen- oder Jahresarbeitszeit einzuführen. Dann können Arbeitnehmer selbst entscheiden, an welchem Tag sie wie viel arbeiten. Wer seine Arbeitszeit flexibel und damit selbstbestimmt wählen kann, dem fällt die Arbeit leichter. Und: Vom Arbeitgeber immer mehr Flexibilität zu fordern und andererseits keine Flexibilität in der Einteilung der Wochenarbeitszeit zu ermöglichen, das passt halt nicht mehr.

Viele Menschen wollen auch mal zu Hause arbeiten. Inwieweit lässt sich ein „Recht auf Homeoffice“ durchsetzen?

Schommer: Nicht jeder Arbeitnehmer kann seine Arbeit im Homeoffice erledigen. Ein Maschinen- oder Anlagenführer wird regelmäßig in den Betrieb kommen müssen. Bei weniger offensichtlichen Fällen muss diese Notwendigkeit jedoch der Arbeitgeber nachweisen – häufig ein großes Problem.

Wozu sind Unternehmen verpflichtet, wenn Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten?

Schommer: Auch hier ist der Arbeitgeber dafür verantwortlich, dass gesetzliche Vorgaben wie Arbeitsschutz und Datenschutz eingehalten werden. Theoretisch müssen Arbeitgeber all das kontrollieren.

Sie sagten es bereits: Home-Office lässt sich nicht in allen Branchen umsetzen, etwa in Produktionsbetrieben. Wie können solche Unternehmen dennoch mit flexiblen Angeboten im Werben um Fachkräfte punkten? 

Schommer: Natürlich lässt sich das Schichtsystem im produzierenden Gewerbe nicht einfach umgehen. Aber auch das lässt sich flexibilisieren: Manche Mitarbeiter wollen zum Beispiel länger als die gesetzlich festgelegte Obergrenze von acht Stunden am Tag arbeiten, wenn sie dafür mehr Geld oder aber zu anderer Zeit freie Ausgleichstage bekommen.

Das käme natürlich auch den Firmen zu Gute.

Schommer: Genau, Unternehmen könnten Schichten mit Teams planen, die länger arbeiten wollen. Dadurch hätten sie längere Laufzeiten im Betrieb, könnten kurzfristige Aufträge annehmen und diese auch fristgerecht erfüllen. In Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung wäre das ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Außerdem müssten Unternehmen nicht länger Reserveteams vorhalten, die bei guter Auftragslage einspringen – und die Arbeitgeber auch dann bezahlen müssen, wenn Flaute in den Auftragsbüchern herrscht. Aus arbeitsmarktpolitischen Gründen brauchen wir in Zeiten der Vollbeschäftigung keine starre 35-Stunden-Woche.

Wie wirkt sich das Recht auf vorübergehende Teilzeit auf Unternehmen aus?

Schommer: Das neue Recht auf Brückenteilzeit erschwert den Unternehmen die Personalplanung, da sie sie zu einer Teilzeitkraft das zeitlich passende Pendant finden müssen. Alle wollen dann nur vormittags arbeiten und es bleibt die Sache des Chefs, jemanden für den Nachmittag zu finden. Es kommt oft zu Konflikten zwischen Chef und Mitarbeiter, wenn ein Arbeitnehmer seinen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit einfordert. Dem Gesetzgeber fallen da immer nur Bestrafungen ein.

Gleichzeitig werden die Befristungsmöglichkeiten für Unternehmen eingeschränkt. Wie hemmt dies den Flexibilisierungsgrad in der Wirtschaft?

Schommer: Aufgrund der guten Aussichten, die Bewerber auf dem Arbeitsmarkt derzeit haben, ergeben sich für die Arbeitgeber doch schon ganz praktische Probleme für den Abschluss von befristeten Verträgen, nämlich deren Akzeptanz durch die Bewerber, die auch unbefristete Angebote erhalten können. Gleichzeitig wird von den Arbeitgebern immer mehr Flexibilität gefordert, Stichwort Brückenteilzeit. Wenn zudem dann auch noch die rechtlichen Möglichkeiten zur Befristung eingeschränkt werden, geht das irgendwann gar nicht mehr zusammen. Denn wer Flexibilität von Arbeitgebern fordert, der muss ihnen diese auch an anderer Stelle ermöglichen.

Viele Unternehmen würden gerne pensionierte Arbeitskräfte einstellen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Natürlich nur, sofern Rentner Lust haben, weiterzuarbeiten. Ist das unkompliziert möglich?

Schommer: In der Praxis ist das alles andere als einfach. Im Anschluss an ein bestehendes Arbeitsverhältnis noch einmal eine befristete Verlängerung vorzunehmen, ist nur im direkten Anschluss möglich. Und dann darf dabei die Arbeitszeit nicht verringert werden, sonst hat man schon wieder einen unbefristeten Vertrag. Mein Vorschlag: Ab Beginn der Regelalterszeit sollten Arbeitsverhältnisse zum Rentenbeginn stets ohne Angabe von Gründen mit der dann ja meist längsten gesetzlichen Kündigungsfrist beendet werden können. Das würde vielen Rentnern, die noch arbeiten wollen, einen Job ermöglichen – und Unternehmen die Chance geben, bewährte Fachkräfte flexibel und über die Regelaltersgrenze hinaus einzusetzen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schommer.