Transformation braucht Offenheit für Qualifizierung

Die BMW Group macht Tempo bei der Dekarbonisierung. Wie der Autobauer die digitale und ökologische Transformation durch Weiterbildung bewältigt.

Angesichts von Klimawandel, politischen Umweltzielen und stärkerer Kundennachfrage arbeitet die Automobilindustrie mit Tempo an der Dekarbonisierung. In Dingolfing baut die BMW Group beispielsweise nicht nur Verbrenner und Elektrofahrzeuge. Sie hat auch ein riesiges Kompetenzzentrum für E-Antriebskomponenten geschaffen. Was bedeutet diese Transformation für die Beschäftigten, ihre Arbeitsplätze und die künftig gefragten Kompetenzen?
Darüber haben wir mit Uwe Bald, Leiter des Personalnetzwerks Produktion, gesprochen.

Uwe Bald, Leiter des Personalnetzwerks Produktion: "In der Transformation sind die Beschäftigten nicht nur Betroffene, sondern Beteiligte."
Uwe Bald, Leiter des Personalnetzwerks Produktion: „In der Transformation sind die Beschäftigten nicht nur Betroffene, sondern Beteiligte.“ (Foto: BMW Group)

Wo steht Ihre Produktion gerade beim Thema Dekarbonisierung? Und was heißt das für die Kompetenzen Ihrer Belegschaft?

Uwe Bald: Wir entwickeln all unsere Werke kontinuierlich weiter in Richtung Elektromobilität. So investiert das Unternehmen etwa am Standort München 400 Millionen Euro in eine neue Fahrzeugmontage und bündelt die europäische Fertigung für Verbrennungsmotoren künftig an den Standorten Steyr und Hams Hall. Der Umbau ist im gesamten Produktionsnetzwerk in vollem Gange.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten vor allem offen für die neuen Produkte sein und sich den neuen Anforderungen in der Produktion stellen. Dabei zeigen immer mehr Studien, dass die Elektrifizierung, ähnlich wie die Digitalisierung, die Arbeitsplätze nicht vernichten, sondern verändern wird. Solche Veränderungstrends gab es schon früher. Im Karosseriebau zum Beispiel: Vor vielen Jahren hatten wir hier Über-Kopf-Schweißen per Hand. Heute machen das Roboter. Die Arbeitsplätze sind dadurch höherqualifiziert: Der Schweißer schweißt nicht mehr selbst, sondern ist oft Anlagenführer am Schweißroboter. Und der Instandhalter hat statt Schraubenschlüssel und Ölkännchen heute einen Laptop dabei, der die Anlage auslesen und anpassen kann. In diese Richtung wird es auch in Zukunft gehen.

Klimawandel und Digitalisierung verändern die Arbeitsplätze der BMW Group. Oft ist damit eine Höherqualifizierung verbunden.
Klimawandel und Digitalisierung verändern die Arbeitsplätze der BMW Group. Oft ist damit eine Höherqualifizierung verbunden. (Foto: BMW Group)

Wie begleiten Sie Ihre Beschäftigten im Wandel?

Wir im Personalwesen müssen frühzeitig sicherstellen, dass dem Unternehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der richtigen Zahl und mit den richtigen Kompetenzen am richtigen Ort zur Verfügung stehen. Somit bieten wir allen Münchner Kolleginnen und Kollegen, deren Arbeitsplatz im Bereich Verbrennungsmotoren entfällt, den Wechsel in die E-Antriebsproduktion nach Dingolfing an. Wer das nicht kann, bekommt eine Alternative – zum Beispiel in der Fahrzeugproduktion in München oder in den Werkstätten der Entwicklung, verbunden mit einer entsprechenden Qualifizierung.

Im Bereich Elektromobilität haben wir seit 2009 bereits mehr als 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit elektrifizierten Fahrzeugen qualifiziert. Wenn ein Instandhalter, der früher Schlosser oder Mechatroniker gelernt hat, sich in Richtung Elektronik qualifizieren lässt, könnte er sich in knapp zwei Wochen zum Anlagenführer mit Elektronik-Kompetenzen weiterbilden – und auch in einem ganz anderen Bereich arbeiten. Wir verändern die BMW Group also mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Damit nehmen wir der Transformation den Schrecken.

Ein Montagemitarbeiter der BMW Group. Laut Mitarbeiterbefragung blicken die Beschäftigten optimistisch in die Zukunft.
Ein Montagemitarbeiter der BMW Group. Laut Mitarbeiterbefragung blicken die Beschäftigten optimistisch in die Zukunft. (Foto: BMW Group)

Erleben Sie dabei die Offenheit für neue Kompetenzen, die Sie angesprochen hatten?

Diese Qualifizierungen sind oft innerlich ein großer Schritt. Viele haben seit Jahrzehnten in ihrem Beruf gearbeitet und müssen für die Weiterqualifizierung manchmal Ängste überwinden. Zusammen mit unseren Führungskräften arbeiten wir intensiv mit den Kolleginnen und Kollegen daran, sie mit auf den Weg der Qualifizierung zu nehmen.

Sind diese Ängste im Zusammenhang mit den Klimazielen für die Industrie noch gestiegen?

Wir verändern dieses Unternehmen in weiten Teilen mit dem bestehenden Personal, an unseren bestehenden Standorten. In dieser Transformationsphase kommunizieren wir intensiv über unsere Strategie und den Nutzen für alle Beteiligten, zum Beispiel bei der Verlagerung der Verbrennungsmotorenproduktion in München. Die sind sogar eher froh, dass wir das Thema angehen. Die Mitarbeiterbefragung hat gezeigt: Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben großes Vertrauen in unsere Strategie, blicken optimistisch in die Zukunft und wollen sich aktiv einbringen.

Welche Kompetenzen brauchen Sie in der digitalen und ökologischen Transformation?

2021 hat die BMW Group die größte Weiterbildungsoffensive in ihrer Geschichte gestartet. Mit ihr treiben wir den umfangreichen Kompetenzaufbau und -umbau voran. Über die Produktion hinaus werden aktuell besonders Experten in den Zukunftsfeldern wie Batterieforschung, Automatisiertes Fahren, Softwareentwicklung, IT Security, aber auch IT-Architekten für Datenbanken und Cloudsysteme sowie App-Entwickler für Infotainment und Entertainment gesucht. Dafür bauen wir insbesondere IT- und Programmierungskenntnisse weiter aus. Die Transformation im Sinne von Umbau und Beschäftigungssicherung in der Produktion geht stark in Richtung Elektronik, weil auch die Anlagentechnik immer digitaler wird. Auch für das Fahrzeug selbst sind IT-Experten wichtig. Bei der E-Mobilität geht es zudem um Technologien der Zell -und Batteriemodulfertigung. Hier bauen wir neue Kompetenzen durch Eigenqualifizierung und Neueinstellungen aus. So können wir durch externes Know-how Lernprozesse beschleunigen, haben aber auch erfahrene Produktionsmitarbeiter, die unsere Produktionslogik kennen.

IT-Kompetenzen sind in der Transformation der BMW Group stark gefragt.
IT-Kompetenzen sind in der Transformation der BMW Group stark gefragt. (Foto: BMW Group)

Die Produktion von Verbrennungsmotoren ist komplex, die von Elektromotoren eher nicht. Wie stellen Sie sicher, dass möglichst viele Beschäftigte weiterhin einen Job haben?

Selbst wenn wir nur die Produktion von Verbrennungsmotoren und die von Elektromotoren vergleichen, glaube ich nicht, dass wir am Ende weniger Arbeitsplätze haben. Denn zu den E-Antrieben kommt die Batteriemodulfertigung. Und grundsätzlich ist die Frage, wo E-Mobilität anfängt und wo sie aufhört: Das eine ist die Antriebsfertigung, das andere ist die Umstellung der Fahrzeugproduktion selbst. Wir sind seit vielen Jahren in der Lage, auf einer Linie mehrere Fahrzeugtypen zu produzieren. Das haben wir auf die E-Mobilität übertragen, so dass wir zukünftig in allen Werken in der Lage sind, die unterschiedlichen Antriebsarten auf einer Linie zu produzieren. Transformation ist so kein Schrumpfungsprogramm, sondern ein Wachstumsbeschleuniger.

Wie beurteilen Sie die Bildungspolitik: Sind die Schulen und Unis in Deutschland in der Lage, das Wissen zu vermitteln, das Sie für die Transformation brauchen?

Grundsätzlich ja. Es trägt auch nicht allein die Bildungspolitik die Verantwortung für den gesellschaftlichen Trend, der uns zu schaffen macht: die Akademisierung. Der Bedarf an Akademikerinnen und Akademikern wird in Zukunft vor allem in MINT-Berufen hoch bleiben. Aber in den gewerblichen und handwerklichen Berufen eben auch. Hier werden wir schon bald auf eine ziemliche Knappheit zusteuern. Grundsätzlich wird die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Staat für uns wie für den Wirtschaftsstandort Deutschland immer wichtiger, um keine technologischen Entwicklungen und Trends zu verpassen.

Fotos: BMW Group