So werden Lieferketten fit für die Krise

Die Krise hat die Wirtschaft in der ganzen Welt und damit die internationalen Lieferketten auf den Kopf gestellt. Darüber, was das für Beschaffung und Logistik in Unternehmen heißt, haben wir mit Professor Michael Eßig gesprochen. Er ist Inhaber des Lehrstuhls Beschaffung und Supply Management der Universität der Bundeswehr München.

Welche Auswirkungen hatte die Corona-Krise auf die internationalen Lieferketten?

Der Transport an sich mit den langen Lkw-Staus an den Grenzen war da nur die Spitze des Eisbergs: Viel gravierender war die Unterbrechung der Wertschöpfungsketten. Teile, die anderswo erst gar nicht produziert wurden, kann man auch nicht transportieren. Solche Ausfälle sind viel schwieriger abzupuffern und wieder auszugleichen.

Warum ist die Automobil-Industrie so stark betroffen?

Sie ist sehr stark arbeitsteilig organisiert, mit spezialisierten Zulieferbetrieben, die nicht in räumlicher Nähe sind und nicht so einfach ersetzt werden können. Damit die Just-in-time-Produktion wieder anlaufen kann, muss idealerweise alles gleichzeitig reaktiviert werden. Dazu kommt die starke Individualisierung im Premiumsegment, sie erfordert auch in normalen Zeiten einen hohen Koordinationsaufwand.

Waren die Unternehmen auf Ausfälle in der Supply Chain nicht vorbereitet?

Doch, natürlich, aber nur in gewissem Maße. Störungen der Supply Chain sind nicht ungewöhnlich. Die Systeme sind darauf ausgelegt, Unternehmen betreiben da ein aufwendiges Risikomanagement. Das Besondere diesmal ist, dass wir nicht von einer zeitlich und räumlich begrenzten Störung reden. So eine Situation ist in diesem Umfang nicht vorhersehbar – und im Grunde kaum beherrschbar.

Was kann die Wirtschaft aus dieser Krise lernen?

Wir müssen über die globalen Wertschöpfungsketten nachdenken. Aber mit Bedacht und differenziert. Alles zurückzuholen und nur noch lokal zu produzieren, wäre keine Lösung. Dafür fehlt an vielen Stellen das Know-how. Mit einer Relokalisierung verspielen wir zudem Wohlfahrtsgewinne, die erst durch die globale Zusammenarbeit entstehen. Und man muss bedenken: Wir sind ein sehr exportabhängiger Staat.

Wie können Firmen ihre Lieferketten besser aufstellen?

Sie werden noch stärker als bisher auf unterschiedliche Transportwege achten müssen – und mehr Redundanzen aufbauen, also Alternativen. Doch das gibt es nicht umsonst, erst muss investiert werden. Am Ende funktioniert das nur bei höherer Zahlungsbereitschaft der Kunden.

Hilft die Digitalisierung dabei?

Noch geht es um physische Produkte, die von A nach B müssen. Die Digitalisierung leistet einen wichtigen Beitrag, um Supply Chains sicherer zu machen, um Waren genauer nachverfolgen und Transporte besser planen zu können. Wird die Digitalisierung Kern der Wertschöpfung, sieht es anders aus. Wenn es für eine höhere Motorleistung im Pkw keinen zusätzlichen Zylinder, sondern nur ein Software-Update braucht. Dafür benötigen wir keine Container mehr und keine Autobahn, sondern ein leistungsstarkes Datenübertragungsnetz.

Foto: Universität der Bundeswehr München