So bewältigen M+E-Unternehmen die Dekarbonisierung

Die politischen Vorgaben zum Klimaschutz fordern hohe Investitionen. Doch Unternehmen sehen Umwelttechnologien auch als Chance, wie diese Beispiele zeigen.

Die Zeichen stehen auf Umbruch: Neben der Digitalisierung sind es vor allem Klimaschutz und Umwelttechnologien, in die die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie mitten in der Pandemie investieren. Allein die politischen Vorgaben zur CO2-Reduktion fordern laut Bundesverband der Deutschen Industrie bis 2030 50 Milliarden Euro Investitionen von der Industrie. Nachhaltigkeit ist aber auch die Chance für komplett neue Produktbereiche. Wie drei Unternehmen mit Visionen und Mut zum Risiko neue Wege gehen.

Rolls Royce Power Systems macht Rechenzentren klimafreundlicher

Rechenzentren verarbeiten Daten für die Informationsgesellschaft. Damit sie nicht ausfallen, haben sie ein Notstromaggregat. Um die energieintensiven Rechenzentren für die Energiewende fit zu machen, arbeitet Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen an mtu-Komplettsystemen zur Notstromversorgung mit Brennstoffzellen, gemeinsam mit dem Brennstoffzellenhersteller cellcentric.

Die Partner wollen der Technologie zum Durchbruch verhelfen. „Deshalb investieren wir dafür über die nächsten Jahre einen dreistelligen Millionenbetrag in Forschung und Entwicklung“, sagt Rolls-Royce-CEO Andreas Schell. 2025 sollen die Seriensysteme auf den Markt kommen. Im eigens dafür geschaffenen Power Lab beschäftigt sich der Motorenhersteller außerdem damit, wie genügend klimafreundlicher Wasserstoff kostengünstig hergestellt werden kann.
Schell betont: „Um einen entscheidenden Beitrag zur Energiewende zu leisten, entwickeln wir uns vom Produktlieferanten zum Anbieter nachhaltiger Gesamtlösungen für Antrieb und Energie – das ist ein Riesenschritt.“ Das Ziel: den Klimawandel mit Brennstoffzellen, synthetischen Kraftstoffen oder Microgrids (smarten Stromnetzen) zu verlangsamen und trotzdem den Bedarf für Energieversorgung und Mobilität zu decken.
Bis 2030 soll die Rolls-Royce-Produktpalette 35 Prozent weniger CO2 ausstoßen als 2019. „Als Lösungsanbieter, der in 13 Branchen tätig ist, müssen wir aber technologieoffen bleiben“, fügt Schell hinzu. „Damit die Klimawende erfolgreich wird, sind Bundesregierung, EU und internationale Gemeinschaft gefordert, ein günstiges Klima für Investitionen und Anreize für die Umsetzung zu schaffen.“

Start-up Amprove revolutioniert die Entwicklung emissionssparender Leichtbauteile

Dennis Middelmann hält die Fahrzeugteile in seinen Händen wie einen Schatz. Der 26-Jährige ist einer der Gründer des Stuttgarter Start-ups amprove. Mithilfe eines neuen Prozesses entwickelt das Unternehmen kostenreduzierende Leichtbauteile. „Das Revolutionäre daran ist, dass wir mathematische Optimierung nutzen. Viel stärker als bisher üblich“, sagt Middelmann.
Im Klartext: Eine konventionelle CAD-Konstruktion ist nicht nötig. Die ideale Geometrie des Bauteils wird berechnet. „Für den Maschinenbau ermöglichen wir durch Leichtbau zum Beispiel kürzere Taktzeiten. In der Automobil-Industrie ist es die Reduktion des Stromverbrauchs und der Stückkosten.“

Dennis Middelmann hat seine Vision für den Leichtbau wahr gemacht – und damit auch einen Beitrag zum Klimaschutz. (Foto: aktiv/Frank Eppler)
Dennis Middelmann hat seine Vision für den Leichtbau wahr gemacht – und damit auch einen Beitrag zum Klimaschutz. (Foto: aktiv/Frank Eppler)

Was er da zeigt, sind Bremssättel für die Großserie. „Der hier“, er hebt seine rechte Hand, „hat ein Fünftel weniger Masse als das Originalteil in meiner anderen Hand“, betont Middelmann. „Gleichzeitig reduziert die Leichtbauweise die Stückkosten um 15 Cent.“ Die Idee zur Gründung hatte er, als er während seines Maschinenbaustudiums in der Automobil-Industrie arbeitete. Seit 2019 existiert amprove nun.
„Die größte Hürde bei der Gründung ist, den Mut zur Selbstständigkeit aufzubringen“, sagt der Gründer. „Hürden wie die Bürokratie verlangsamen und nerven, sollten aber kein Problem darstellen, wenn die Motivation stimmt.“

Maschinenbauer Wafios investiert in einen Campus zur Elektromobilität

Sie sehen aus wie Haarnadeln: sogenannte „Hairpins“, u-förmige Steckspulen, die in Elektromotoren eingebaut werden, insbesondere für Fahrzeuge. Für deren Fertigung hat die Wafios AG aus Reutlingen eine neue Maschine entwickelt: den schnellen Speedformer. So setzt Wafios sein Engagement in der E-Mobilität fort, das vor über fünf Jahren begann – und baut es aus.

„Da im Bereich der Elektromobilität Kupferdrähte verformt werden, bietet sich hier für Wafios die Möglichkeit, vorhandenes Know-how mit neuen Technologien zu verbinden“, erklären die Vorstände Uwe-Peter Weigmann und Martin Holder. Und weil für den Ausbau eines neuen Geschäftsfelds Platz für Entwicklung und Prototypenfertigung benötigt wird, haben Vorstand und Aufsichtsrat entschieden, hierfür Investitionen von insgesamt 10 Millionen Euro im Werk 2 in Reutlingen freizugeben. „Diese Investitionen werden den Standort weiter stärken“, so die Vorstände.
Geplant ist ein Campus, auf dem die Aktivitäten zur Elektromobilität gebündelt werden – von der Entwicklung bis zur Kundenabnahme. Hier entstehen neue Arbeitsplätze in Vertrieb, Entwicklung und Produktion. Flankiert wird der Ausbau von einzelnen spezifischen Förderprojekten im Umfeld Elektromobilität.

Stolz auf den neuen Speedformer für Elektromotor-Bauteile: Die Wafios-Vorstände Uwe-Peter Weigmann und Martin Holder (rechts). (Foto: Wafios)
Stolz auf den neuen Speedformer für Elektromotor-Bauteile: Die Wafios-Vorstände Uwe-Peter Weigmann und Martin Holder (rechts). (Foto: Wafios)

„Wafios eröffnet sich zusätzliche Wachstumspotenziale auf einem wichtigen Zukunftsmarkt. In unserer Unternehmenskultur sind Innovationen seit jeher ein fest verankerter Bestandteil und strategischer Baustein für die künftige Unternehmensentwicklung“, betont Weigmann. Allerdings merkt Holder an: „Das größte Risiko für den Standort Reutlingen und Deutschland sind Lohnsteigerungen, welche die Unternehmen zwingen, Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern.“