Mitarbeitergesundheit ist M+E viel wert

Bei Ribe ist Gesundheitsförderung auch Fachkräftesicherung

Der demografische Wandel bedeutet für die Unternehmen, dass es einerseits weniger Nachwuchskräfte gibt, andererseits ältere Fachkräfte als Wissensträger immer wichtiger werden. Die Metall- und Elektro-Industrie tut deshalb viel, um ältere Beschäftigte so lange im Unternehmen zu halten, wie die Mitarbeiter es wünschen. Der fränkische Mittelständler Ribe setzt zum Beispiel auf betriebliche Gesundheitsförderung. Für das Unternehmen aus dem Herz der Wirtschaft macht sich das mit motivierten Mitarbeitern, langer Betriebszugehörigkeit und einem guten Ruf als Arbeitgeber bezahlt.

Es geht aufwärts, Treppe um Treppe. Bis der Kreislauf auf Touren ist und das Ausbildungszentrum in großen, hellen Werkräumen die komplette oberste Etage einnimmt. Acht Auszubildende stehen im Gang, schlenkern mit den Beinen, kreisen ihre Arme in entgegengesetzte Richtungen, öffnen den Oberkörper aus der Waagerechten nach rechts und prusten, als einer von ihnen nach links aufdreht und dem Rest erstaunt entgegensieht.

Es ist „Bewegte Pause“ bei den Azubis des Verbindungstechnikspezialisten Ribe – ein durchaus ernst zu nehmender Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Die Azubis des Mittelständlers aus dem fränkischen Schwabach sind seine Botschafter: Sie sollen auch den älteren Kollegen vorleben, wie selbstverständlich körperliche Fitness und Arbeitsalltag zusammengehören. Denn das zahlt sich für beide Seiten aus: Die Mitarbeiter, die sich wohlfühlen, und das Unternehmen, das motivierte und fitte Fachkräfte bis zur Rente im Unternehmen halten kann.

„Ziel unseres BGM ist das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter, denn das spiegelt sich auch in der Wirtschaftlichkeit wider. Wenn der Mitarbeiter mitkriegt, dass etwas für ihn rüberkommt, dann ist er auch bereit, einen anderen Einsatz zu bringen“, sagt Reinhold Leng. Er leitet das Gesundheitsmanagement und hat sich mit dem Thema schon befasst, als das Gesundheitsmanagement noch eine ganz normale Rückenschule war. „Damals war es eine Revolution für einen Fertigungsbetrieb, mit grünen Gymnastikbällen über den Hof zu laufen“, erinnert sich der gelernte Dreher.

Gesundheitsförderung wird im demografischen Wandel immer wichtiger

Als die Geschäftsleitung nach der Jahrtausendwende die Altersstruktur im Betrieb analysiert hat, war schnell klar, dass die Demografie auch die Ribe-Belegschaft verändern wird. Die Lebensarbeitszeiten werden länger, und schon damals gab es viele langjährige Fachkräfte, die es trotz einseitiger Belastung in der Produktion über den gesamten Arbeitszyklus fit zu halten gilt. Deshalb entschied man sich für ein umfassendes Betriebliches Gesundheitsmanagement und machte Reinhold Leng zu seinem Leiter. Leng hat früher selbst jahrelang im Schichtbetrieb gearbeitet. Er weiß, mit welchen körperlichen Belastungen die Kollegen dort umgehen müssen. Für seine neue Aufgabe hat sich der damalige Sachbearbeiter im Personalbüro weiterentwickelt wie schon oft in seinem Berufsleben: mit Weiterbildungen zum Lehrer für Prävention und Gesundheit und zum Heilpraktiker für Psychotherapie.

„Am Anfang war die größte Herausforderung, allen in der Belegschaft klar zu machen, was Gesundheit mit Arbeit zu tun hat. 2001 war das Verständnis: Ich bin auf der Arbeit und mach meine Arbeit, Sport und Freizeit sind was anderes“, erinnert sich Leng an die ersten Schritte. Doch über persönliche Gespräche und den Austausch mit Kollegen, denen die Gesundheitsangebote geholfen haben, wurde das Gesundheitsmanagement über die Jahre immer stärker auch von den anfänglichen Skeptikern genutzt.

„Die Resonanz ist heute so groß, dass das Angebot zum Teil gar nicht mehr ausreicht. Zum Beispiel bei der Gesundheitswoche, in der die Mitarbeiter ihre Fitness mit verschiedenen Tests analysieren lassen können. Im Durchschnitt nutzen etwa 60 Prozent der Beschäftigten die Gesundheitsangebote insgesamt, besuchen also zumindest einmal im Jahr einen Kurs“, bilanziert Leng. Zu den Angeboten gehören eine arbeitsplatzbezogene Rückenschule, Sporttreffs, Vorträge, Ernährungstage, Stressmanagement, Ergonomieprojekte und der Firmenlauf. Sogar für die Challenge Roth, dem weltgrößten Triathlon-Wettkampf für die Langdistanz, stellt Ribe regelmäßig ein Team aus der Belegschaft.

Dank Prävention fit bis zur Rente

In Lengs Büro steht ein Modell einer Wirbelsäule. „Damit ich die Kollegen von den Auswirkungen des Trainings überzeugen kann“, sagt der Gesundheitsmanager und schmunzelt. Im Flur vor seinem Büro ist das Training live zu hören: Galileo surrt im Fitnessraum. Eine Frau mittleren Alters steht auf der Vibrationsplatte des Trainingsgeräts und macht Übungen nach, die ihr auf dem Display angezeigt werden. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und winkelt die Knie leicht an. Dann beugt sie den Oberkörper nach rechts und links und führt dabei einen Arm seitlich über den Kopf, während sie auf der vibrierenden Platte die Balance hält.

„Jeder Mitarbeiter bekommt nach Eingangstests eine Speicherkarte für das Gerät, auf dem speziell auf seine Fitness zugeschnittene Übungen abgespeichert sind – die Karte ist sozusagen der Personal Trainer“, erklärt Leng. Die Kollegin hat gerade ihre Schicht beendet und nutzt das 15-minütige Training zum Ausgleich. „In der Schichtarbeit stehen wir vor gewissen Hürden, da ist es einfach aufgrund der strikten Arbeitszeiten schwierig, an die Leute ranzukommen. Sie haben immer mal die Möglichkeit, den oder den Kurs zu besuchen. Vor allem nutzen sie aber diesen Vibrationstrainer.“

Ob Vibrationstrainer, Faszientraining, bewegte Pause oder Rückenschule: „Ziel all dieser und unserer weiteren Gesundheitsangebote ist, dass die Mitarbeiter zumindest bis zur Rente voll arbeitsfähig sind“, sagt Personalleiter Peter Oberst. „Neben der Altersstrukturanlayse haben wir damals mit den Azubis Fitnesstests gemacht und gemerkt, dass der Fitnessgrad sehr unterschiedlich ist. Für die Azubis sind die BGM-Maßnahmen seitdem fester Ausbildungsbestandteil. Auch, weil sie später in die Abteilungen gehen und es dort verbreiten.“

Wer Muskeln aufbaut, bekommt einen Gutschein für Sportschuhe

Im Ausbildungszentrum kreisen die sie gerade seitlich mit den Armen. „Und zurück in die Ausgangsstellung“, sagt Ausbildungsleiter Martin Schmidt. Auch er ist von der Krankenkasse für das Gesundheitsmanagement ausgebildet worden. Letzte Übung: Alle greifen mit den Armen hoch in die Luft und strecken dabei den ganzen Körper.

„Ich merk schon, dass die bewegte Pause hilft. Gewisse Übungen kann ich an der Maschine schnell nebenbei machen. Wenn ich merke, dass der Fuß oder Rücken müde wird, helfen die Übungen, die wir hier gelernt haben“, sagt Justin Köpplinger, auszubildender Zerspanungsmechaniker anschließend. Industriemechaniker-Auszubildende Anne Auernhammer nutzt das Training auch privat: „Ich finde es toll, dass wir hier Übungen lernen, die ich dann zu Hause auch machen kann. Da muss ich nicht noch extra etwas suchen. Außerdem gibt es die Suchtprävention. Da waren wir in einer Suchtklinik, wo wir zwei Personen alle Fragen stellen durften. Das war echt interessant. Sie haben uns die Klinik gezeigt und erzählt, wie sie in die Sucht gekommen sind und es geschafft haben, da wieder rauszukommen.“

Der angehende Industriemechaniker Fabian Stafflinger schätzt besonders die Angebote für den Rücken: „Es ist mein eigenes Interesse, gesund zu bleiben. Wir stehen bei der Arbeit sehr viel, wenn man da was im Rücken hat, ist das unangenehm. Es gibt hier regelmäßig den Back-Check. Daran sehen wir, ob sich unsere Kraft verbessert hat oder ob wir uns um den Muskelaufbau mehr kümmern müssen, genauso beim Balance-Check fürs Gleichgewicht.“ Schon die Schwarz-auf-Analyse mag für so manchen Ansporn sein, zu trainieren.

Wer das mit Erfolg tut, wird außerdem belohnt: Jeder Azubi, der seinen Muskelaufbau über die Ausbildungsjahre verbessert, bekommt am Ende Gutscheine für eine Laufanalyse und einen guten Sportschuh. Letztlich belohnt sich Ribe auch selbst: „Man sieht schon, dass der Trend zu Rücken- und Muskulaturerkrankungen bei uns zurückgeht“, sagt Gesundheitsmanager Leng. Auch die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit kann sich mit 17 Jahren sehen lassen.

Gesundheitsangebote steigern Attraktivität für Fachkräfte

Das Engagement für die Mitarbeitergesundheit macht sich auch bei der Fachkräftesuche bezahlt, meint Personalchef Oberst: „Wir sind noch eine der Basisindustrien. Das bedeutet, wir müssen Attraktivität für unsere Leute bieten. Die Hauptattraktion ist natürlich die Vergütung."

Aber auch das gesamte Umfeld sei wichtig. „Bei Azubis und Nachwuchskräften haben wir einen guten Ruf. Doch je spezialisierter und qualifizierter die gesuchten Mitarbeiter sind, müssen wir uns über Leistungen differenzieren, die vielleicht nicht jeder in dieser Intensität hat.“

Gerade solche Bewerber wissen Gesundheitsförderung offenbar zu schätzen. „Es gibt mittlerweile im Ingenieurbereich und allgemein im höher qualifizierten Bereich Bewerber, die nach einem Gesundheitsmanagement fragen“, berichtet Reinhold Leng. Ribe hat da mal was vorbereitet.


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Fotos: Daniel Karmann