Mit Nachqualifizierung bietet M+E neue Chancen

Thyssenkrupp holt Erwerbslose zurück ins Arbeitsleben

Gute Mitarbeiter werden in der Metall- und Elektro-Industrie stets gebraucht. Wegen des zunehmenden Fachkräftemangels helfen die Unternehmen mit Qualifizierungsangeboten zur beruflichen Weiterbildung nach. Thyssenkrupp beteiligt sich beispielsweise an einem Projekt des Bildungswerks Baden-Württemberg, in dem Ungelernte einen Berufsabschluss nachholen. Im Herz der Wirtschaft finden so auch viele Arbeitslose neue Kontakte und berufliche Perspektiven.

Beim ersten Mal hat ein Unglück Claus Beinhofers Leben eine neue Richtung gegeben. Er hat Kfz-Mechaniker gelernt, 40 Jahre ist das her, aber gearbeitet hat er in seinem Lehrberuf nur kurz. Ein Autounfall – und Beinhofer musste seinen Traum aufgeben, der Körper machte nicht mehr mit. Stattdessen fing er bei ThyssenKrupp System Engineering in Heilbronn an, im Karosseriebau.

Beim zweiten Mal nun nimmt er sein Schicksal selbst in die Hand. Mit 56 Jahren ist Beinhofer nochmal Azubi. Er steht in der Ausbildungswerkstatt, feilt, schweißt, schneidet zu. Nach dem elfwöchigen Lehrgang zur „Fachkraft für spanende Fertigungstechniken, Teil 1“ beherrscht er das Schweißverfahren CMT, weiß, wie man Bleche schneidet und zusammenfügt oder welche Metallverbindungen möglich sind. „Ich konnte vergessenes Wissen wieder auffrischen und habe sehr viel Neues dazu gelernt“, sagt Beinhofer.

M+E zeigt Arbeitslosen neue Optionen auf

Das verdankt er einem neuen Projekt des Bildungswerks der Baden-Württembergischen Wirtschaft. „Modulare Nachqualifizierung für An- und Ungelernte“ soll Personal flexibler und fit für neue Einsatzfelder machen – und Fähigkeiten wecken, die vielleicht schon länger in den Mitarbeitern schlummern. Als erstes Unternehmen im Bundesland hat ThyssenKrupp das Programm am Standort Heilbronn umgesetzt.

Insgesamt sind sechs Module im Angebot, die zwischen 9 und 14 Wochen dauern und einzeln wählbar sind. Wer alle Bildungsbausteine erfolgreich absolviert, ist auf die Externen-Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer gut vorbereitet und kann als Maschinen-und Anlageführer abschließen, ein vollwertiger Beruf mit in der Regel zweijähriger Ausbildung. Auch zum Industrieelektriker kann man sich modular qualifizieren. Bislang haben 16 ThyssenKrupp-Mitarbeiter die erste Einheit absolviert und dabei Schweißen und Blechbearbeitung sowie eine Metallgrundausbildung durchlaufen.

Und auch eine zuvor Arbeitslose gewinnt neue Perspektiven. Sabine Schwarzer ist mit 34 Jahren die jüngste und einzig weibliche Teilnehmerin. Eigentlich ist sie technische-hauswirtschaftliche Helferin und hat zuletzt in der Altenpflege gearbeitet. Doch der Körper streikte, und sie wurde arbeitslos. Als die Arbeitsagentur ihr das Qualifizierungsprojekt anbot, griff Schwarzer zu: „Ich habe mich hier reingekniet und bisher hat alles gut geklappt. Es ist toll!“

ThyssenKrupp kam das Projekt sehr gelegen: „Das Angebot hat perfekt zu unseren Qualifizierungsbedürfnissen gepasst“, sagt der Personalleiter in Heilbronn, Edmond Biegger. Gefordert sind nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer. Zu den 35 gewerblichen Azubis kamen plötzlich 17 neue hinzu, leicht war die Koordination anfangs nicht. Und inhaltlich werden die Betriebsveteranen behandelt wie Frischlinge. Ausbildungsleiter Thilo Röber erzählt: „Wer jahrelang am selben Arbeitsplatz immer die gleichen Handgriffe macht, der verliert leicht den Blick für das große Ganze“. Deshalb hat er in der ersten Woche nochmal die Grundlagen erklärt. Wie ist das Unternehmen aufgebaut, wer macht was?

Nach der Einführung folgt ein fester Rhythmus: Montag bis Mittwoch vorwiegend Praxis in der Ausbildungswerkstatt; an den übrigen Tagen Theorie beim Bildungswerk in Heilbronn. Solches Engagement lohnt sich auch menschlich. „Viele erleben nach langer Zeit wieder, wie sich jemand bemüht, ihnen etwas beizubringen“, sagt Röber. „Dadurch fühlen sie sich wertgeschätzt und sind motiviert, weiter zu lernen.“

Arbeitgeber ermöglichen mit Weiterbildung bessere Berufsaussichten

So wie Agim Gashi. Der gebürtige Kosovare ist seit 13 Jahren im Unternehmen, er gibt den Lamborghini- oder Porsche-Karosserien den letzten Schliff vor der Lackierung. Der 47-Jährige hat das richtige Fingerspitzengefühl für diese Handarbeit, doch er kann mehr, das hat er im Projekt gemerkt: „Ich bin froh darüber, dass ich mitmachen konnte. Jetzt weiß ich, was noch in mir steckt“, sagt Gashi und zeigt auf einen selbstgebauten Werkzeugkasten. Andere Teilnehmer haben Schmuckkästchen für ihre Frauen oder Rosen zum Valentinstag gefertigt und sind stolz auf all die schönen Stücke.

„In diesen Wochen hat sich gezeigt, wo die Fähigkeiten des Einzelnen liegen“, sagt Röber. Je nach Eignung und Motivation wird entschieden, wer auch den zweiten Teil zur „Fachkraft für spanende Fertigungstechniken“ mitmacht. Sabine Schwarzer weiß schon, dass sie wieder dabei sein wird, sie gilt als Paradebeispiel für Motivation und Ausdauer: „Sie hat sich hier richtig durchgebissen, obwohl sie vorher noch nie mit Metall gearbeitet hat“, sagt Thomas Hennige vom Bildungswerk. Schwarzer hat sogar Chancen, übernommen zu werden. Und selbst wenn das nicht klappt, hat sie eine wertvolle Zusatzqualifikation für die Jobsuche. Auch für ThyssenKrupp hat sich das Programm gelohnt: „Mit der Qualifizierung konnten wir die Arbeitsqualität verbessern und Arbeitsplätze für die Zukunft sichern“, sagt Personalchef Biegger.

Claus Beinhofer plant derweil schon den nächsten Schritt: „Ich hab noch lange nicht ausgelernt.“

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Fotos: Wilhelm Mierendorf