„Mit der Klimaneutralität wollen wir ein Ausrufezeichen setzen“

Dekarbonisierung läuft bei Voith über Energieeffizienz und neue Technologien. Wie der Konzern ab 2022 klimaneutral wird und was die Industrie dazu braucht.

Dekarbonisierung ist eines der Schlagwörter, die vor der Bundestagswahl besonders oft gefallen sind. Der Anlagen- und Maschinenbauer Voith arbeitet seit Jahren an der Umsetzung – zuletzt mit dem Ziel, bis 2022 klimaneutral zu produzieren. Markus Schönberger, Leiter Nachhaltigkeit bei Voith, verantwortet die weltweiten Aktivitäten rund um Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz. Im Interview sieht er den Konzern auf der Zielgeraden in die Klimaneutralität.

Damit die Industrie die Dekarbonisierung schneller umsetzen kann, wünscht der 44-Jährige sich allerdings eine stärkere öffentliche Förderung für klimaneutrale Produktionstechniken, klarere Vorgaben bei der Nachhaltigkeitsklassifizierung von Unternehmen und eine Bildungspolitik, die Mädchen stärker für Ingenieurberufe begeistert.

Herr Schönberger, was war der Auslöser für Voith, sich 2019 das Ziel der Klimaneutralität zu setzen?

Voith sieht sich bei dem Thema als Vorreiter. Wir wollten frühzeitig unseren Beitrag zum Thema Klimaschutz leisten und hatten auch davor schon Klimaziele veröffentlicht, die mit dem 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens übereinstimmten. Aber das hat uns nicht gereicht. Mit der Klimaneutralität 2022 wollten wir deshalb ein Ausrufezeichen setzen.

Die Umstellung ist mit Investitionen verbunden. Wie rechnet sich das Ziel der Klimaneutralität dennoch für Sie?

Es ist ein gängiges Vorurteil, dass Nachhaltigkeit mit Kosten verbunden ist. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren unsere Energieeffizienz um 30 Prozent gesteigert und 130 Gigawattstunden eingespart – das entspricht dem Verbrauch von 32.500 Vier-Personen-Haushalten. Unseren Abfall haben wir im gleichen Zeitraum um 35 Prozent verringert und den Frischwasserverbrauch um 40 Prozent. Wir sind mit Ende dieses Geschäftsjahres voll auf Zielkurs. Alles in allem sparen wir über diese Ressourceneffizienz 14 Millionen Euro im Jahr. Für uns zeigt das: Das Thema Klimaschutz geht Hand in Hand mit Wirtschaftszielen.

Wie sieht Ihr Weg in die Klimaneutralität konkret aus?

Wir haben bereits 2012 angefangen, die Energieeffizienzmaßnahmen weltweit auszurollen. Ohne diese Vorarbeit wäre das Ziel Klimaneutralität in so kurzer Zeit glaubwürdig gar nicht möglich. Wir haben dafür einen vierstufigen Ansatz: Wir steigern die Energieeffizienz weiter. Darüber hinaus stellen wir auf grünen Strom um: Im letzten Geschäftsjahr haben wir diesen Anteil von 44 Prozent auf knapp 79 Prozent weltweit gesteigert. Die dritte Säule ist die eigene grüne Energieerzeugung: Aktuell haben wir eine Kapazität von 1,7 Gigawattstunden aus Photovoltaik-Anlagen, die wir bis 2026/27 auf knapp 16 Gigawattstunden weltweit steigern möchten. Der vierte Schritt ist aktuell leider unvermeidlich, da wir nicht sofort alles klimaneutral umstellen können und deshalb eine Restmenge an CO2-Emissionen durch Zertifikate ausgleichen werden. Das hat auch Wirtschaftlichkeitsgründe. Die Kompensationen wollen wir aber schnellstmöglich auf ein Minimum abbauen.

 

 

 

„Wir hatten vor zehn Jahren auch gedacht, dass es großartige Projekte sind, die die Energieeinsparungen bringen. Wir erfassen sämtliche Maßnahmen und gruppieren sie nach ihrem Return on Invest (ROI). Das zeigt: Ob es nun der Austausch der Lichtsysteme durch LEDs ist oder der einer Heizung – es sind die vielen kleinen Maßnahmen, die am Ende den Ausschlag geben.“

 

Markus Schönberger, Leiter Nachhaltigkeit bei Voith

Brauchen Sie durch die Umstellung auf die klimaneutrale Produktion auch neue Qualifikationen bei den Mitarbeitern?

Wir haben sehr früh eine eigene Organisation gegründet, das Ecological Business Management (EBM), das ich leite. Die EBM-Mitarbeiter kommen aus den klassischen Umweltingenieurwissenschaften, aber auch BWLer sind dabei. Pro Konzernbereich berät ein Mitarbeiter jeden einzelnen Voith-Standort individuell, wie er seine Energieeffizienz wirtschaftlich optimieren kann. Vor Ort werden dann die Prozesse untersucht, um Potenziale zur Effizienzsteigerung zu heben. Dabei werden bereits in der Produktentwicklung Gespräche geführt, um das Produkt von vornherein so zu gestalten, dass die Produktion weniger Energie verbraucht. Ich selbst war früher für den Naturschutz bei Greenpeace aktiv und habe unter anderem BWL studiert. Ich denke, es ist gerade diese Vielschichtigkeit, die unsere Arbeit so erfolgreich macht.

Wenn es um Nachhaltigkeit geht, umfasst das auch soziale Aspekte wie faire Arbeitsbedingungen. Gehört das auch zu Ihren Zielen?

Wir berichten jährlich im Nachhaltigkeitsbericht über unsere Fortschritte und werden seit 2016 von der unabhängigen Ratingagentur ISS ESG bewertet. Aktuell haben wir die Bewertung B- für alle Kriterien der Bereiche Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung. Damit zählen wir zum zweitbesten Unternehmen weltweit im Anlagen- und Maschinenbau. Im Bereich der Ressourceneffizienz haben wir die bestmögliche Bewertung A +.

Wirklich dringlich diskutiert wird das Thema Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit gefühlt erst jetzt vor der Bundestagswahl. Würden Sie sagen, Sie sind der Politik voraus?

Im Bewusstsein, dass wir weltweit klimaneutral sein müssen, würde ich das nicht sagen. Wenn es aber darum geht, in die Umsetzung zu gehen, glaube ich, dass wir in unserer Branche schon ziemlich weit vorne sind. Dabei stehen wir bei der Umstellung von fossil betriebenen zu elektrifizierten Prozessen oft vor Wirtschaftlichkeitsproblemen. Hier würde mehr öffentliche Förderung für die Industrie helfen, schneller umstellen zu können.

Was würde der Industrie noch helfen?

Auch die Klassifizierungskriterien der EU zur Nachhaltigkeit wirtschaftlicher Tätigkeiten, die Taxonomie, könnte die Umstellung auf Klimaneutralität durch klarere Vorgaben beschleunigen. Im Moment würden die Analysen, die wir zur Erfüllung der Kriterien zur Klassifizierung als „manufacturer of low carbon technologies“ machen müssten, enorm viele Kapazitäten binden. Und im Bildungsbereich wäre es natürlich wünschenswert, wenn noch mehr Mädchen und Frauen für Berufe im ingenieurwissenschaftlichen Bereich begeistert werden könnten. Denn diese Qualifikationen werden durch die Umstellung auf klimaneutrale Produktionstechnologien immer gefragter und ich bin überzeugt, dass uns eine breitere Diversität noch stärker voranbringt.

Fotos: VOITH