M+E Wissenswerkstatt macht Schule

Wissenswerkstatt weckt Neugier auf Roboter und technische Berufe bei Schülern im Saarland

Mit der Wissenswerkstatt in Saarbrücken ermöglichen die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie Kindern und Jugendlichen einen praxisnahen Einblick in technische Fachbereiche. Labore der ehrenamtlich von Unternehmensvertretern organisierten Bildungseinrichtung bringen die Schüler in direkten Kontakt mit Werkzeugen und Robotern. In den Kursen bauen die Teilnehmer eigene Elektrogeräte und lernen die technischen Hintergründe. Nebenbei erhalten Mädchen und Jungen auch Inspiration für die Berufswahl im Herz der Wirtschaft.

Es ist 11 Uhr an einem Donnerstagvormittag, und Helga Leiendecker lächelt erfreut. 28 pubertierende Siebtklässler, und kaum einer macht einen Mucks. „Ich kann mich nicht erinnern, wann die sonst so konzentriert waren um diese Zeit“, sagt die Lehrerin der Gemeinschaftsschule aus dem saarländischen Quierschied. Die Hälfte ihrer Schüler ist gerade dabei, Flügelräder auf Mini-Ventilatoren zu montieren, dann legen sie den Büroklammern-Schalter um, und schon dreht sich die Eigenkonstruktion. Die andere Hälfte verbindet noch schnell einen Schlauch mit einer Plastikspritze, und fertig ist das Pneumatiksystem für die eigene Hebebühne.

Konzentrierte Schüler sind motivierte Schüler, und motivierte Schüler haben ganz offensichtlich Spaß an dem, was sie hier in der Wissenswerkstatt Saarbrücken gerade machen. „Das schönste ist, wenn man die Teile am Schluss nur noch zusammenfügen muss, und alles funktioniert“, sagt Nicole Maas, die Leiterin der Lernwerkstatt, die zwischen den halbwüchsigen Hebebühnenschraubern steht. Das Erfolgserlebnis, selber etwas gebaut zu haben – dies macht das Kernanliegen und zugleich den Charme der Wissenswerkstatt aus. Die Institution unter Maas‘ Leitung hat im Juli 2014 eine renovierte Backsteinhalle hinter dem Saarbrücker Hauptbahnhof bezogen. Früher hat die Deutsche Bahn hier ihre Busse repariert. Heute sind die, die die Werkzeuge in der Hand halten, meistens im Schüleralter. Denn der Satzungszweck der Wissenswerkstatt ist einfach: Mädchen und Jungs möglichst früh für Technik begeistern.

Dank M+E entdecken Jugendliche selbst ihr Talent für Technik

„Bei uns haben die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Talente in diesem Bereich zu entdecken“, sagt Maas. Die Wissenswerkstatt ist als Verein organisiert, den Vertreter von Hager, Schaeffler, des ZF-Friedrichshafen-Standorts Saarbrücken, der GIU, des Unternehmensverbands Saarland, des Verbands der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes, der Stiftung ME Saar sowie der IHK Saarland gegründet haben. Das heiße aber nicht, dass hier zielgerichtet Azubis für die M+E Branche herangezogen würden, sagt Günter Hemminger. Der Vereinsvorsitzende war vor seinem Ruhestand Mitglied der Geschäftsführung des ZF-Standorts Saarbrücken. Dieses Unternehmen war es auch, das das Konzept „Wissenswerkstatt“ einst am Stammsitz Friedrichshafen eingeführt und dann nach und nach in andere Städte ausgerollt hat.

„Wir haben eine gesellschaftliche Verpflichtung“, sagt Hemminger. Natürlich gehe es der Wirtschaft angesichts des demografischen Wandels darum, die Fachkräfte von morgen zu gewinnen, und auch darum, den Anteil von Frauen in der technischen Arbeitswelt zu erhöhen. Was dazu in der Wissenswerkstatt geschieht, ist aber ergebnisoffen: „Wenn sie Technik in der Schule nicht ausprobieren können, wissen die Kinder oft gar nicht, ob es ihnen gefällt“, sagt Maas. „Bei uns erhalten ganz gezielt auch Mädchen die Chance, das zu testen. Dann können sie sagen ‚Das finde ich gut, das macht mir Spaß.‘ Aber sie können natürlich auch sagen ‚Da gehe ich lieber ins Büro.‘ So oder so stärken wir sie darin, eine bewusste Berufsentscheidung zu treffen.“

Dazu vermittelt die Wissenswerkstatt auch ganz grundlegende Technikfakten, zu denen viele Kinder heute keinen Bezug mehr hätten, sagt Maas. Nicht mal im stark industriell geprägten Saarland. „Bei uns in Quierschied steht ein Kraftwerk“, sagt die Lehrerin Leiendecker. „Aber keiner von uns wusste, woraus das Energie erzeugt. Dass das ein Kohlekraftwerk ist, haben wir hier erst gelernt.“

Erzählt hat ihnen das Sascha Cattarius, der Werkstattleiter. Er ist mitzuständig für die Konzeption der mehr als 15 Kurse an der Wissenswerkstatt. Gemeinsam mit Maas entwickelt er Werkstücke, bei deren Entstehung die Kinder viele technische Grundlagen lernen können. „Wenn sie am Ende ihre Modelle einschalten und sie funktionieren – dann macht es bei den Kindern klick“, sagt er. Für seine jeweils dreistündigen Kurse zerlegt Cattarius den Entstehungsprozess etwa des Ventilators in mehr als ein Dutzend Arbeitsschritte, die er dann in einer Präsentation mit Text und Bild erklärt.

Und weil es beim Ventilator um den Stromkreislauf geht, hat Cattarius vorab ein paar Grundlagen vermittelt. „Wo der Strom herkommt und wie er in die Häuser gelangt – sowas zu verstehen, macht mir Spaß“, sagt der 13-jährige Leon Schröder, der wie seine 27 Mitschüler zum zweiten Mal in der Wissenswerkstatt ist. „Ich finde es immer cool, zu sehen, wie Dinge funktionieren und dass wir selber etwas machen können.“ Der Sohn eines CNC-Fräsers wird später der erste sein, dessen Ventilator sich dreht. Sein gleichaltriger Klassenkamerad Jonas Müller lobt derweil die Kombination von Theorie und Praxis: „Ich muss wissen, wie viel Energie der Ventilator braucht und wie viel Druck ich bei der Hebebühne auf die Spritze geben muss. Und dann muss ich überlegen, wie ich das praktisch umsetze.“

Labore wecken Interesse für Technik – bei Jungen und Mädchen

Während Cattarius seine kurzen Erklärungen vorträgt, könnte man im Publikum eine Reißzwecke fallen hören. Allerdings müsste man sie wieder aufheben, denn man bräuchte sie noch: „Dann hämmern wir die Büroklammer mit viel Gefühl fest“, erklärt er seinen gebannten Zuhörern die Montage des Schalters für den Ventilator. „Anschließend biegen wir sie nach links und machen hier oben einen Punkt mit dem Bleistift. Dann biegen wir sie nach rechts und machen hier oben einen zweiten Punkt. Und in der Mitte zwischen beiden Punkten platzieren wir die Reißzwecke. Fragen?“ „Neeeeeein.“ „Dann los!“

Beim anschließenden Hämmern und auch beim Löten ist die Ventilatorgruppe hör- und sichtbarer engagiert, während im unteren der zwei Stockwerke die Hebebühnengruppe sägt und klebt. „Das macht viel mehr Spaß, als in der Schule ruhig am Tisch zu sitzen und Sachen von der Tafel abzuschreiben“, sagt Melina Kuckert. Die 14-Jährige will nach der Schule eine Ausbildung zur Automechanikerin beginnen, jetzt muss sie aber erstmal eine Linsenkopfschraube in zwei gelochte Blechstreifen einfädeln.

Maas sieht zu und hilft, wenn nötig. Manchmal gebe sie den Kindern auch nicht-optimale Lösungen vor, um ihr Nachdenken anzuregen, sagt sie. „Dann sollen sie etwa ein Stück Holz aus der Mitte eines Bretts schneiden. Schnell erkennen die Kinder selbstständig, dass es vom Rand her sinnvoller ist.“ Aber es geht auch darum, dass es verschiedene Schraubendreher gibt: „Viele Kinder kennen bereits das Aufbauen von Ikea-Möbeln und denken, sie bräuchten für alles nur einen Inbusschlüssel.“

Zukunftsmacher – Schüler bauen Roboter

„Wir passen unsere Kurse und Arbeitsschritte immer wieder an“, sagt Cattarius. „Anfangs lagen die Hämmer und Abisolierzangen gleich in der Werkzeugbox. Kann man so machen. Führt nur dazu, dass in jeder freien Minute gehämmert und die Zange als Pistole benutzt wird.“ Also kriegen die Kinder die Werkzeuge nur noch, wenn sie sie brauchen. Einen Grundbestand an Kursen haben die Saarbrücker von den Wissenswerkstätten der ZF-Standorte Passau und Friedrichshafen übernommen, sie entwickeln das Portfolio aber stets weiter. Metallbearbeitung komme ins Programm, sagt Maas, auch Magnetismus. Den 3D-Druck würden sie ebenfalls gerne als Lerninhalt anbieten und suchen hierfür Sponsoren, die den Aufbau der innovativen Technik unterstützen.

Mehr als 3.000 Schüler haben die Kurse seit der Eröffnung schon besucht. Die Vormittage sind dabei für ganze Klassen reserviert, für die Nachmittage kann sich jeder zwischen 8 und 18 anmelden. Die mögliche Abwechslung ist groß. Der Ventilatorbau zum Beispiel sei nur der Einstieg in den Elektro-Bereich, sagt Cattarius. Bis zum Kurs Elektro 5 können Teilnehmer sich emporarbeiten, mit jedem Aufstieg kommen neue technische Bestandteile wie Kondensatoren, Widerstände und Potentiometer hinzu. Wer sich für Robotik begeistert, kann Lego-Roboter bauen, die im Anfängerkurs nur im Quadrat fahren, später aber sogar programmiert so werden, dass sie Linien beim Überfahren zählen oder Tore schießen.

„Was die Kinder hier machen, hinterlässt einen tiefen Eindruck“, ist sich Helga Leiendecker sicher. „Die fühlen sich hier toll, die fühlen sich wertgeschätzt. Solche Erlebnisse schaffen Haltungen, sie schaffen Meinungen. Und die sind eine gute Vorbereitung für die Berufswahl.“

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Wir sind das Herz der Wirtschaft.

Fotos: Christoph Papsch