M+E wirbt mit Mentoren MINT-Nachwuchs

Innovative Ausbildungen im Herz der Wirtschaft sichern Fachkräfte

Nur wenn die Metall- und Elektro-Industrie weiterhin genügend Informatiker, Elektroniker und Techniker einstellen kann, wird sie im globalen Wettbewerb bestehen. Doch solche Fachkräfte werden immer rarer. Um junge Leute für eine Ausbildung oder ein Studium für MINT-Berufe zu begeistern, wird das Herz der Wirtschaft kreativ. Beim Dentalgerätehersteller Sirona kümmern sich Azubis selbst um den Nachwuchs.

„So einen Radius hier bekommt ihr nicht mit einer Handfräsmaschine hin.“ Philipp Hahl senkt seine Stimme, als er mit dem Zeigefinger über die Kurven eines silbernen Metallstücks fährt. Der Mechatronik-Auszubildende kippt seine Hand, damit alle die spiegelglatte Oberfläche bewundern können. Alle, das sind die Azubis in der Ausbildungswerkstatt des Dentalgeräteherstellers Sirona im südhessischen Bensheim. Die CNC-Fräse wirkt wie ein kleines Heiligtum, so wie die Azubi-Gruppe den roten Schrank mit der Maschine umringt. „Man gibt ein paar Zahlen ein und hat am Ende ein perfektes Werkstück“, sagt Marvin Zecic fasziniert. „Es macht Spaß, aus einem ungehobelten Klotz etwas Glänzendes, Schönes auf den Mikrometer genau herzustellen.“

M+E geht neue Wege bei der Personalsuche

Seit September lernt der 16-Jährige bei Sirona Zerspanungsmechaniker. Bis zur achten Klasse wollte er eigentlich nach der Schule eine Banklehre machen. Als das Schulpraktikum anstand, hatte ihm ein Freund aber eine Zerspanungsfirma empfohlen. „Nach den zwei Wochen habe ich gemerkt, dass mir das doch ziemlichen Spaß macht.“ Als sich dann im Juni 2013 Metallunternehmen aus dem Programm „I am MINT“ an seiner Schule vorstellten, war für ihn die Frage Schwimmbad oder Berufsplanung schnell abgehakt. Sirona lud ihn und ein paar Mitschüler zu einer Werksführung ein. Abgeholt wurden sie von den Sirona-Auszubildenden, die sie schon an der Schule über das Unternehmen informiert hatten. „Azubis erklären anders“, stellte Marvin schnell fest. „Die kommen nicht mit Fachausdrücken, sondern sagen zum Beispiel, dass hier ein paar Löcher rein kommen und dort abgesägt werden muss. Sie erklären trotzdem alles sehr genau. Man versteht es nur viel leichter.“ Nach der Führung und den Gesprächen mit den Azubis stand für ihn schnell fest, dass er sich bei Sirona bewerben würde.

Philipp Hahl sind Schüler wie Marvin am liebsten: „Wenn sich die Schüler über ‚I am MINT‘ melden, sind die auch wirklich interessiert und keiner macht den Kasper.“ Der 20-Jährige ist einer der „Azubi-Mentoren“ von „I am MINT“ bei Sirona, die an Schule bei der Berufsorientierung helfen oder Schülergruppen durchs Werk führen. Mit Präsentationen und Arbeitsbeispielen in der Azubiwerkstatt zeigen sie ihnen, was sie als angehende Mechatroniker, Zerspanungsmechaniker, Industriemechaniker oder Elektroniker für Geräte und Systeme lernen können.

Nachwuchs für das Herz der Wirtschaft dringend gesucht

Zum Beispiel, wie man einen Gabelstapler baut. Auf der Werkbank von Jens Schmitt steht eine Miniaturausgabe mit winzigen Drähten und Schläuchen für die Pneumatik. Der 16-Jährige drückt einen Knopf, und die Gabel fährt mit einem Zischen hoch. Zusammen mit Stefan Körber hat er zwei Wochen lang Schülerpraktikanten betreut: „Wir haben einen Ordner bekommen, in dem steht, was man mit den Schülern umsetzen könnte“, erzählt Jens. Da waren die beiden Mechatroniker-Azubis selbst erst ein paar Wochen im Unternehmen. Und schon haben sie die Schüler von einer Ausbildung als Mechatroniker überzeugt: „Alle sechs Schüler wollen sich bei uns bewerben“, sagt der 19-jährige Stefan lächelnd.

Auch Imke Borger hat sich für eine Ausbildung bei Sirona entschieden. Die Auszubildende der Elektronik für Geräte und Systeme wollte eigentlich Konditorin werden. „Das hat mir zwar im Praktikum Spaß gemacht. Aber dann habe ich mich doch für die Elektronik entschieden. Damit zu arbeiten gibt mir das Gefühl, dass ich die Menschen weiterbringe“, sagt die 17-Jährige. Imke ist im ersten Lehrjahr und eine von drei jungen Frauen unter den rund 60 Azubis in den technischen Berufen bei Sirona. „Es gibt immer jemanden unter den Auszubildenden, den man hier fragen kann, wenn man nicht weiter weiß“, erzählt sie unisono mit Marvin, Philipp, Jens und Stefan. Auch das ist Teil des Azubi-Mentorings bei Sirona: Azubis helfen Azubis. „Wenn ich jemandem etwas erklären kann, heißt das, dass ich es auch wirklich verstanden habe“, erklärt Philipp das Prinzip. Ausbildungsleiter Reinhard Pfeifer ergänzt: „Wir können uns so darauf konzentrieren, die Auszubildenden individuell zu unterstützen und ihnen die Grundlagen zu vermitteln.“

Junge Mitarbeiter haben Wahl zwischen Ausbildung und dualem Studium

Sirona hat das Programm der Landesarbeitsgemeinschaft Schule-Wirtschaft Hessen, der die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände und das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft angehören, als gute Möglichkeit entdeckt, dem Fachkräftemangel vorzubeugen. „Als größter Arbeitgeber im Kreis Bergstraße haben wir einen guten Ruf und noch viele gute Bewerbungen“, sagt Pfeifer. Das könne sich aber ganz schnell ändern: „Deshalb sind wir heute schon aktiv, um einen direkten Kontakt mit den Schülern zu bekommen.“ Und da die jungen Menschen dieselbe Sprache sprechen, funktioniert das von Azubi zu Schüler immer noch am besten. Der weltweite Markt- und Technologieführer in der Dentalindustrie setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr mehr als 1 Milliarde US-Dollar um und beschäftigt rund um den Globus 3.200 Mitarbeiter. Mit 1.400 Mitarbeitern ist der Standort Bensheim der weltweit größte der Dentalindustrie. Vor allem die Digitalisierung der Zahnheilkunde hat das Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich vorangetrieben. Hier ist der Fachkräftebedarf groß: Rund 120 junge Menschen machen zurzeit eine technische oder kaufmännische Ausbildung oder ein duales Studium in Bensheim.

„Wasser aus“, ruft Philipp. Marvin richtet die Fräsmaschine ein. Ein Aluminiumstück muss „auf Maß“ gefräst werden, Wasser zum Wegspülen der Späne braucht es dabei nicht. 25 Millimeter soll Marvin von der Oberfläche abtragen. „Das geht ja wie Butter“, ruft er, als die Späne fliegen. Hier in der Azubi-Werkstatt geht es für ihn im ersten Jahr noch darum, ein Gefühl für die Maschinen und das Verhalten der Werkstücke zu bekommen. Später, erklärt Ausbildungsleiter Pfeifer, kommt der Einsatz im Werk.

Für Philipp ist das schon Alltag. Er ist im dritten Lehrjahr und wechselt alle zwei Wochen den Einsatzort. Er steht im Innovationscenter neben einem 20-fach vergrößerten Exemplar einer sogenannten Turbine. „Die Technik dahinter hat mich anfangs überwältigt“, erinnert er sich an die erste Begegnung mit dem echten Pendant, als ihm Sirona-Azubis das Werk gezeigt haben. In der Zahnarztpraxis treibt die Turbine den Bohrer an. „Die Turbinen drehen mit 200.000 Umdrehungen pro Minute und laufen trotzdem frei und ruhig“, sagt er, noch immer erstaunt über so viel Präzision: „Dafür muss man aufs Tausendstel genau arbeiten.“ Inzwischen beherrscht er, was ihn zu Beginn der Ausbildung überwältigt hat.

Begeisterung für das Herz der Wirtschaft

Gerade weist er Marvin in das Zusammenspiel von Pneumatik, Elektronik und Computersteuerung ein. Wenn alles richtig installiert wurde, wird ein winziges Päckchen durch die Miniaturanlage befördert. „Deine Logik geht nicht auf“, stichelt Marvin, als die Anlage nicht so funktioniert, wie Philipp es sich gedacht hat. Auch als Neuling ist Marvins Meinung gefragt. Schnell hat er eines gelernt: „Es gibt hier keinen Unterschied zwischen dem ersten und dem dritten Lehrjahr. Jeder hilft jedem.“ Für ihn ist es keine Frage, dass auch er als Azubi-Mentor an die Schulen gehen würde: „Ich weiß ja, wie es ist, wenn man noch nichts von den Fachausdrücken versteht, mit denen unsere Berufe oft erklärt werden.“

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Fotos: Alessandro Balzarin