M+E-Industrie fordert und fördert bezahlbare Energie

HegerFerrit treibt als Zulieferer für Windkraftanlagen Energiewende voran

Trotz hoher Energieeffizienz hat die Gießerei HegerFerrit einen hohen Stromverbrauch – ungefähr den einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern. Im internationalen Wettbewerb besteht das Unternehmen aus dem Herz der Wirtschaft nur, wenn die Energie in Deutschland bezahlbar bleibt. Dann kann es auch die Energiewende weiter voranbringen. Denn die Windradnaben des Unternehmens sind für viele Hersteller von Windkraftanlagen unverzichtbar.

Der Tisch ist gedeckt, mit nur einem Stahlzylinder darauf. Der allerdings hat einen Durchmesser von fast fünf Metern und ist gut sieben Meter hoch. Leise summend schiebt sich ein Hubwagen zwischen die Tischbeine und hebt das rund 130 Tonnen schwere Ensemble einige Zentimeter an. Im Schritttempo geht es dann auf Schienen in eine große, düstere Halle. Minuten später werden hier mehr als 30 Tonnen 1.500 Grad heiße Eisenschmelze in den Zylinder gegossen, begleitet von einem Funkenregen. Zeitgleich werden 50 Meter weiter hinten auf der Schienenstrecke auf einem anderen Tisch die Teile der nächsten Gussform zusammengesetzt, in der eine Windradnabe entsteht.

Gießen am Fließband – bei kleineren Teilen bis zu 100 Kilogramm ist das nichts Besonderes, etwa bei Motor- und Getriebeblöcken für die Automobilindustrie. Was allerdings im pfälzischen Sembach bei Kaiserslautern geschieht, ist in der Größenordnung und in den Abläufen einzigartig. Verantwortlich dafür ist Johannes Heger, geschäftsführender Gesellschafter der HegerGuss GmbH, einem mehr als 110 Jahre alten Traditionsunternehmen aus dem Nachbarort Enkenbach-Alsenborn. Mit der HegerFerrit GmbH stellte der Unternehmer 2009 ein Gießereikonzept für handgeformte große Gussteile auf die grüne Wiese, das es so bis heute auf der Welt nach Unternehmensangaben kein zweites Mal gibt.

M+E ermöglicht Windanlagen-Boom

„Wir hatten als Familienunternehmen das Glück, damals ohne langes Zögern zum richtigen Zeitpunkt handeln zu können“, sagt Heger. Der „richtige Zeitpunkt“ war der Aufschwung in der Windenergiebranche und die Tatsache, dass einer der größten deutschen Windradhersteller einen Fünfjahresvertrag mit Heger abschloss. Der sicherte die Investitionen von mehr als 25 Millionen Euro ab.

Schwere Gussteile in Serie, darum dreht sich seitdem alles im neuen Werk. Das Herzstück ist ein Schienenkreis mit 100 Metern Durchmesser, durchbrochen von vier Hallen. Hier fahren die Gussstücke auf ihrem Schienen-Fließband zur jeweiligen Produktionsstation. Die innovative Idee ist, dass das Werkstück zum Arbeiter kommt. Sonst ist die Arbeitsweise in Gießereien genau umgekehrt. „In jeder Halle findet nur eine Art von Tätigkeit statt“, erklärt Heger. So könnten Prozesse sich nicht gegenseitig stören. Die Arbeitsstationen seien erstmals ortsfest „und können produktiv, sicher und ergonomisch korrekt gestaltet werden“. Mit diesem Konzept ließen sich bis zu 2.000 große Windradnaben pro Jahr produzieren. Die Planung, und darauf ist der Geschäftsführer besonders stolz, wurde komplett von den Ingenieuren bei HegerGuss durchgeführt.

Rekordjagd im Herz der Wirtschaft

Der Exklusivvertrag mit dem Windradhersteller ist 2014 ausgelaufen, was der Gießerei ganz neue Möglichkeiten eröffnet. „Die sind noch immer unser größter Kunde“, sagt Heger, „doch nach Ablauf der Vereinbarung haben wir auch andere Hersteller als Kunden gewonnen – und beliefern damit nun drei der führenden Windradbauer in Europa.“ Das sei anfangs nicht geplant gewesen. Aufgrund des Windkraftbooms ist Heger jetzt froh, dass die Bindung an einen Hersteller ein Ende hat.

Geplant waren ursprünglich auch nicht die ganz großen Teile. „Das Stückgewicht lag anfangs bei acht bis zehn Tonnen, maximal waren 15 Tonnen möglich“, so Heger. Für die rasant wachsende Windenergiebranche und die mit ihr wachsenden Windräder war dies nicht genug – mittlerweile werden größere Naben benötigt. „Unsere Ingenieure und hochqualifizierten Facharbeiter haben es geschafft, das Maximalgewicht auf das Doppelte, also 30 Tonnen, zu erhöhen“ sagt Heger. „Mit zwei Gießpfannen und zwei Kränen, die gleichzeitig im Einsatz sind, ist dies möglich.“

M+E-Unternehmen expandiert mit Windgeschwindigkeit

Durch das neue Fabrikkonzept hat sich die Produktivität verdoppelt. „Die Möglichkeiten des nun höheren Stückgewichts haben den Markt vergrößert, die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert und auch die Produktivität im Vergleich zu anderen konventionellen Wettbewerbern weiter verbessert“, betont Heger. Das wirkt sich auch auf die Beschäftigung aus: Mit 50 neuen Mitarbeitern war man 2009 in Sembach gestartet, mittlerweile sind es 80. „Die Zahl wird in den nächsten Monaten auf 100 steigen“, prognostiziert Heger, „da der Umsatz weiter wächst.“ Allein mit den jetzt schon vorliegenden Bestellungen bis Ende 2015 ergibt sich für die vergangenen zwei Jahre eine deutliche Umsatzsteigerung.

Während Heger einerseits mit den Windradnaben an der Energiewende beteiligt ist, wird im Werk andererseits auch enorm viel Energie verbraucht. Obwohl der Stromverbrauch dank des neuen Gießereikonzepts 200 Kilowattstunden pro Tonne erzeugtem Guss niedriger ist als in anderen Branchenbetrieben, benötigt Heger pro Jahr immer noch rund 20 Millionen Kilowattstunden Energie. Das ist ungefähr der Bedarf einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern. „Die Achillesferse der deutschen Gießereien im internationalen Wettbewerb ist neben den Personalkosten vor allem der hohe Stromkostenfaktor“, sagt Heger.

Ein Drittel des Bedarfs kann sein Unternehmen immerhin selber decken: Seit Mai 2013 produziert ein firmeneigenes Windrad Strom. Die Nabe stammt natürlich aus Heger-Produktion.

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Text und Fotos: Pit Junker