M+E fährt mit Elektrobussen vorneweg

Das Herz der Wirtschaft modernisiert den Nahverkehr in Deutschland

Dank der Innovationen der Metall- und Elektro-Industrie sind reine E-Busse längst keine Zukunftsfantasie mehr. Unternehmen wie Antriebstechnik-Spezialist Ziehl-Abegg stellen die Vorteile der Technologie schon heute eindrücklich unter Beweis. Werden derartige Pilotprojekte weiter in Deutschland gefördert, kann der Durchbruch in den Massenmarkt gelingen und der Personennahverkehr revolutioniert werden.

Vincenzo Tersigni lächelt vielsagend, als würde gleich irgendetwas passieren. Dann gibt der Busfahrer Gas, sein blaues Gefährt setzt sich in Bewegung und sonst passiert – nichts. Zumindest nicht akustisch, was für einen Bus doch ziemlich ungewöhnlich ist. Der ruckelt nicht nur, er brummt und dröhnt, wenn die Dieselmotoren Tonnen an Masse antreiben. Doch diesmal: kein Laut. Aber warum? „Das fragen mich viele“, grinst Tersigni.

Seine Erklärung: Er fährt nicht einfach einen Bus. Er fährt den Demo-Bus von Ziehl-Abegg. Der demonstriert, dass rein elektrische Busantriebe machbar sind. Der Hersteller von Lüftungs- und Antriebstechnik aus Kupferzell hat einen solchen entwickelt, mit dem der blaue Bus mal lautlos durch Paris rollt, mal durch München oder sich anderswo unter die Linienbusse mischt. Als Anschauungs- und Anhörungsobjekt dafür, wie E-Mobilität im öffentlichen Nahverkehr funktionieren kann.

Hersteller sind auf Fördermittel angewiesen

Heute lenkt Tersigni den Demo-Bus im heimischen Hohenlohekreis rund ums Werksgelände. Etwa 25 solcher Busse aus dem Herz der Wirtschaft sind europaweit bereits täglich im Einsatz: zum Beispiel im westfälischen Münster, in Schweden und Holland. Auch der Landkreis Hohenlohe setzt seit kurzem vier E-Busse bei der Landesgartenschau in Öhringen ein. Ist diese beendet, werden die Fahrzeuge in den Linienverkehr übernommen.

Zur Freude von Ralf Arnold, dem Geschäftsführer von Ziehl-Abegg Automotive: „Die Zahl der reinen Elektrobusse wird sich 2016 etwa vervierfachen.“ Allein im ersten Quartal seien schon so viele Antriebe bestellt worden wie im ganzen Jahr 2015. „Es entstehen zurzeit viele neue Hersteller von Elektrobussen, die unseren Antrieb nutzen.“ Ganz im Einklang mit dem wachsenden Trend zur E-Fortbewegung – den die Bundesregierung neben der E-Auto-Prämie auch im öffentlichen Nahverkehr unterstützen will. „Die entsprechenden Förderkonditionen werden derzeit erarbeitet“, hatte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks schon Anfang Februar 2016 verkündet.

Bei Ziehl-Abegg könnte dies das Geschäft weiter anschieben. Im Kupferzeller Motorenwerk, das 2014 eingeweiht wurde, montiert Mitarbeiter Wolfgang Herz gerade den neuen Antrieb namens „ZAwheel“. „Es ist ungeheuer spannend, so etwas herzustellen“, sagt Herz. Die Innovationen sind so spannend wie zahlreich: Die zwei Motoren des „ZAwheel“ sitzen jeweils direkt in der Radnabe. Das Fahrzeug braucht deshalb kein Getriebe – etwa 80 Prozent aller bewegten Teile im Antriebsstrang fallen dadurch weg. Das macht die Busse wartungsarm und umweltfreundlich, weil es Energie spart.

Auch der Wirkungsgrad dieses Antriebs ist besonders hoch: Er liegt bei 90 Prozent. Der in Bussen sonst übliche Dieselmotor kommt auf einen Wirkungsgrad von gerade 45 Prozent, beim konventionellen Elektromotor sind es etwa 85 Prozent. Und: Die Bremsenergie geht bei dieser Ziehl-Abegg-Lösung nicht verloren, sondern wird wieder in die Akkus zurückgespeist. Insgesamt benötigt ein Bus mit „ZAwheel“ im Vergleich zum Bus mit Verbrennungsmotor nur halb so viel Energie.

E-Busse der M+E-Industrie schonen die Umwelt

Wie groß die technische Herausforderung – und wie groß die Leistung des Unternehmens ist, zeigt die Entwicklungsdauer. 18 Jahre Arbeit stecken in dem Antrieb, von der ersten Idee 1998 über den ersten Prototypen, den Ziehl-Abegg 2004 mit einem Partner gebaut hat, bis zu den ersten vier Bussen mit diesem Antrieb, die 2009 in den Niederlanden den Linienverkehr aufgenommen haben. Seit der Pilotphase hat der Hersteller „ZAwheel“ stetig weiterentwickelt, um für die wachsenden Anforderungen an die E-Mobilität gerüstet zu sein.

Innovationen haben das Familienunternehmen mit Hauptsitz in Künzelsau groß gemacht: Es verkauft 30.000 verschiedene Produkte in weit mehr als 100 Länder. Ziehl-Abegg-Elektromotoren arbeiten auch in Aufzügen, Computertomografen und Tiefseerobotern. Mit 3.450 Mitarbeitern, von denen 1.950 in Baden-Württemberg arbeiten, macht das Unternehmen heute einen Jahresumsatz von 447 Millionen Euro – mehr als doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren.

Auch dank des „ZAwheels“. Geschäftsführer Arnold zeigt auf ein fertiges Produkt und erklärt: „Wir liefern das komplette Achs-Antriebsmodul.“ Bis zu 400 solche Module kann Ziehl-Abegg pro Jahr im Werk Kupferzell fertigen. Dass Städte wie Stuttgart mit Feinstaubbelastung kämpfen, macht den mehrfach ausgezeichneten Elektroantrieb umso interessanter gerade für vielbefahrene Zentren: Er hat null Emissionen. Konsequenterweise setzen viele Betreiber der Busse Strom aus umweltfreundlichen Quellen ein – in Münster etwa werden die Fahrzeuge am Betriebshof mit Sonnenstrom getankt.

Ziehl-Abegg ist stolz darauf, mit seiner Entwicklung zum Umweltschutz beizutragen. „Wir wollen den Menschen mit unseren Produkten zu mehr Lebensqualität verhelfen“, sagt Arnold. Das drückt sich auch in deutlich geminderten Geräuschemissionen aus, wovon nicht nur die Fahrgäste profitieren. Von außen hört man 90 Prozent weniger Lärm. „Normale Busse sind gerade beim Anfahren sehr laut“, sagt Arnold, „weil der Fahrer voll aufs Gas gehen muss.“ Wie die Gäste schon bei Vincenzo Tersigni an Bord eindrucksvoll bemerkt haben, entfällt das mit dem neuen Antrieb. Und selbst wenn der Bus mit 80 km/h unterwegs ist, verursacht er nur weniger als 70 Dezibel. Das entspricht in etwa einer lauten Unterhaltung.

All die Einwände, die für viele Autofahrer gegen ein Elektrofahrzeug sprächen, seien im Linienverkehr hinfällig, erklärt Arnold: Wie weit komme ich, wo gibt es eine Ladestation? „Beim Linienbus kann man das alles genau planen.“ Die Reichweite der Busse hängt dabei von der Kapazität der verbauten Batterie ab, die sich wiederum ganz am Kundenbedürfnis orientiert. Gegeben ist nur der Energieverbrauch des „ZAwheel“: mindestens 0,9 Kilowattstunden pro Kilometer.

Geeignet ist der Antrieb nicht nur für Busse. „Wir konzentrieren uns auf Fahrzeuge mit viel Stop-and-Go-Verkehr“, erläutert Arnold weitere Einsatzmöglichkeiten: etwa in Müllfahrzeugen, Flughafenbussen und Spezialfahrzeugen im Untertagebau. Und sogar historische Fahrzeuge wie Sightseeing-Busse können nachgerüstet werden. Damit sie bei allem erhaltenswerten Charme doch umwelttechnisch auf dem neusten Stand sind.

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Fotos: Wilhelm Mierendorf