„Die Energiewende bringt unglaubliche Chancen“

Energieforscher Gunnar Luderer erläutert, wie Deutschland seinen Vorsprung vor anderen Ländern halten kann

Die frühzeitige Energiewende brachte Deutschland einen Vorsprung gerade auch bei der Klimatechnik, sagt Klima- und Energieforscher Gunnar Luderer vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Im Gespräch nimmt er auch Stellung zum Vorrang für technologieoffene Entwicklung und zu den Antriebstechnologien der Zukunft.

 

Thema Energiewende – wie lassen sich Industrie- und Klimapolitik grundsätzlich in Balance halten?

Luderer: Eine konsequente Energiewende bringt unglaubliche ökonomische Chancen. Klar ist, dass die Transformation zur treibhausgasneutralen Gesellschaft eine Ausgabenverschiebung weg von fossilen Energien hin zu Kapitalgütern bedeutet. Letztlich erfordert sie ein gigantisches Investitionsprogramm. In Deutschland haben wir durch die Energiewende aber jetzt schon technologische Herausforderungen, die in anderen Ländern erst in fünf oder zehn Jahren auftreten. Dadurch haben wir einen Wissensvorsprung, den wir für die Entwicklung der Technologien nutzen können, die auch für andere Regionen zunehmend wichtig werden. Das fängt bei Windkraftanlagen und Wechselrichtern für Photovoltaikanlagen an. Weitere Beispiele sind Elektrolyseure, um Wasserstoff aus erneuerbarem Überschussstrom herzustellen, der auch in andere Kraftstoffe umgewandelt werden kann, oder Industriekesselsysteme, die sich flexibel zwischen Gas und Überschussstrom aus erneuerbaren Energien hin und her schalten lassen. Diese Chance sollte die Politik auch durch das Anschieben von technologischen Lerneffekten und den Abbau überflüssiger Regulierungen moderieren.

Zwingt die Bundesregierung die Industrie mit ihren Klimazielen in bereits erforschte Technologien, statt die technologieoffene Entwicklung zu fördern?

Luderer: Es ist sicher nicht sinnvoll, bestimmte Technologien vorzuschreiben. Es gibt allerdings technologische Lerneffekte, die Technologien erst in dem Maße, wie wir sie in den Markt bringen und hochskalieren, günstiger machen. Elektromobilität ist ein Beispiel. Wir wissen, dass es in solchen Fällen wirtschaftlich sinnvoll ist, Markteinführungsprogramme mit zeitlich begrenzten Subventionen zu haben. Aber auch der Netzausbau und der Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Mobilität sind Beispiele, in denen politische Maßnahmen sinnvoll sind. Hier muss noch viel mehr getan werden.

Ein Blick auf den Wandel der Antriebstechnologien: Welches Konzept könnte das Rennen machen?

Luderer: Im Automobilbereich haben wir drei Klimaschutzkonzepte, die derzeit prominent diskutiert werden: die vollständige Elektrifizierung über Batterieautos, Brennstoffzellen und Wasserstoff sowie synthetische Kraftstoffe auf Basis von erneuerbaren Energien. Die batteriebasierte Elektromobilität braucht ungefähr um Faktor 5 weniger Energieinput pro gefahrenem Kilometer als ein System mit synthetischen Kraftstoffen. Wasserstoff ist da irgendwo in der Mitte, aber deutlich schlechter als die Elektromobilität. Deshalb denke ich, dass E-Mobilität sich bei kleineren Autos und kürzeren Strecken durchsetzen wird. Wasserstoff bleibt interessant für Langstrecken und schwerere Fahrzeuge, zum Beispiel im Frachtbereich. Synthetische Kraftstoffe sind extrem teuer und werden sich voraussichtlich nur durchsetzen, wo wir keine Alternative haben – beispielsweise im Flugverkehr. Insgesamt müssen wir aber den ganzen Optionsfächer entwickeln.

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