„Duale Ausbildung muss in der Berufsorientierung viel stärker Thema sein“

Im Fachkräftemangel fehlen vielen Unternehmen Beschäftigte. Ein Interview mit ARaymond über den Wert der Ausbildung und Frauen in MINT-Berufen.

Frauen sind angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels für viele M+E-Unternehmen eine wichtige Zielgruppe bei der Rekrutierung. Wir haben mit der Personalreferentin des Automobilzulieferers ARaymond in Lörrach, Franziska Gempp (31), und der gelernten technischen Zeichnerin Yvonne Maschat (34) darüber gesprochen, wie sich der Spezialist für Befestigungs- und Montagelösungen an seinen deutschen Standorten Lörrach und Weil am Rhein mit rund 1.400 Beschäftigten für Fachkräfte engagiert, welche Unterstützung das Unternehmen von der Politik braucht, welche Perspektiven Frauen dort haben und was einen technischen Beruf so spannend macht.

Frau Gempp, wie sind Sie vom Fachkräftemangel betroffen, und welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Bildungspolitik?

Franziska Gempp: Der Fachkräftemangel beschäftigt uns vor allem im Bereich der technischen Berufe. Hier fehlen uns in vielen Fällen die Facharbeiter – etwa ein guter Elektriker oder eine Werkzeugmechanikerin. Vor diesem Hintergrund macht uns die zunehmende Akademisierung Sorgen. Für uns ist eine gute Ausbildung genauso wichtig wie ein gutes Studium. Wir merken derzeit, dass sehr viele junge Menschen sofort in Richtung Studium denken und die Ausbildung an Bedeutung verliert. Da würde ich mir wünschen, dass wir den Wert unseres sehr guten dualen Ausbildungssystems in Deutschland viel mehr betonen. Eine unserer Auszubildenden hat mir erzählt, dass die Berufsorientierung an ihrem Gymnasium ausschließlich am Thema Studium ausgerichtet war. Ich denke, Schülerinnen und Schülern sollte klar sein, dass sie mit einem Gymnasialabschluss auch sinnvoll eine Ausbildung beginnen und sich darauf aufbauend beruflich weiterentwickeln können. Und sie sollten austesten können, ob sie eher der Typ fürs wissenschaftliche oder fürs praktische Arbeiten sind. Das wären für mich wichtige Inhalte, die in der Phase der Berufsorientierung thematisiert werden sollten.

Personalreferentin Franziska Gempp: duale Ausbildung sollte in der Berufsorientierung stärker Thema sein
Personalreferentin Franziska Gempp: duale Ausbildung sollte in der Berufsorientierung stärker Thema sein

Welchen Beitrag leistet Ihr Unternehmen selbst in der Berufsorientierung?

Wir bieten zum Beispiel sehr viele Praktika an, natürlich auch für Mädchen und junge Frauen. Frauen sind für uns auch im Hinblick auf den Fachkräftemangel eine wichtige Zielgruppe, genauso wie Quereinsteiger oder etwas ältere Bewerber. Beim Thema Frauen denke ich, dass es das wichtigste ist, sie früh für Technik zu begeistern. Wir sprechen deshalb schon in der Schule gezielt Mädchen an und holen sie über Aktionen wie den Girls‘ Day oder Praktika ins Unternehmen. Da erleben wir ganz häufig Feedback wie „Wow, das habe ich mir ganz anders vorgestellt, das ist ja richtig interessant.“ oder auch „Ich dachte, das ist viel schwieriger.“ Das hat neben der spannenden Technik selbst sicher auch damit zu tun, dass sich die Produktionsbedingungen in den vergangenen Jahren stark verändert haben und die technischen Fertigungsberufe längst nicht mehr mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden sind. Wir haben Hebehilfen etc., sodass die Berufe für jede und jeden geeignet sind – Männer und Frauen, aber auch ältere Beschäftigte.

In der Metallfertigung am ARaymond-Standort Weil am Rhein sind MINT-Fachkräfte gefragt.
In der Metallfertigung am ARaymond-Standort Weil am Rhein sind MINT-Fachkräfte gefragt.

Wenn die Frauen dann bei Ihnen sind: Wie passt zum Beispiel ein technischer Produktionsberuf mit dem Thema Kinder oder auch der Pflege von Angehörigen zusammen – beides Themen, in denen nach wie vor besonders Frauen sich aus ihrem Beruf zurückziehen?

Wir schauen, dass wir mit flexiblen Arbeitszeitmodellen das Bestmögliche für unsere Beschäftigten und uns als Arbeitgeber herausholen – also in der Produktion zum Beispiel über Schichtmodelle sprechen, die zur Kinderbetreuung passen. In Bereichen wie der Konstruktion und Entwicklung ist für eine bessere Vereinbarkeit zudem das mobile Arbeiten möglich. Und dann haben wir natürlich viele Teilzeitmodelle, die bei uns überall dort, wo sie realisierbar sind, Normalität sind. Während der Elternzeit halten wir Kontakt: Viele Mitarbeiterinnen kommen regelmäßig vorbei oder sind als Teil des Teams selbstverständlich bei Events wie einer Weihnachtsfeier oder einem Grillfest dabei.

Auch in der Produktion (hier am Standort Weil am Rhein) bietet ARaymond Lösungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf an.
Auch in der Produktion (hier am Standort Weil am Rhein) bietet ARaymond Lösungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf an.

Frau Maschat, Sie arbeiten als gelernte technische Zeichnerin heute als Projektmanager-Assistentin in der Entwicklung von ARaymond. Wie sind Sie zu diesem technischen Beruf gekommen?

Yvonne Maschat: Ich habe hier bei ARaymond meine Ausbildung zur technischen Zeichnerin (heute entspricht das dem Berufsbild der technischen Produktdesignerin) gemacht und mit Unterstützung des Unternehmens an der Abendschule eine Weiterbildung zur technischen Fachwirtin angeschlossen. Daraufhin habe ich meine heutige Stelle als Projektmanagerassistentin in der Konstruktion bekommen. Als technische Zeichnerin war ich damit betraut Befestigungselemente für die Automobilindustrie zu entwickeln und die Zeichnungen davon abzuleiten. Als Assistentin designe ich auch heute noch, mache aber auch viel Kundenkommunikation und kann die Kundenwünsche dadurch meist direkt selbst umsetzen.

 

 

 

„Mathematik und Physik lagen mir schon in der Schule. Und ich habe gerne grafisch gezeichnet. Mir war schon als Jugendliche klar, dass ich Technik und Zeichnen verbinden möchte. Technische Zeichnerin war für mich daher optimal und auch eben dieser Umgang, Teile zu entwickeln und aus dem Nichts etwas zu entwerfen – Lösungen zu finden.“

Yvonne Maschat zu ihrer Begeisterung für Technik

 

 

 

Sind Sie als Frau in Ihrem Team noch eher die Ausnahme?

Maschat: Wir sind zwar bei uns in der Abteilung nur zwei Frauen unter insgesamt 27 Beschäftigten, aber in den letzten Jahren haben einige junge Frauen eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin gemacht; in etwa die Hälfte der Auszubildenden im Bereich Produktdesign ist weiblich. Das Arbeitsklima bei uns im Team ist sehr ausgeglichen. Ich fühle mich weder benachteiligt noch in anderer Weise irgendwie exotisch.

Fotos: ARaymond