„Wir brauchen auch in der Digitalisierung jeden Mitarbeiter“

Phoenix Contact bereitet Belegschaft durch Weiterbildung auf neue Technologien vor

Wie gestalten M+E-Unternehmen den Weg zu Digitalisierung und Industrie 4.0? Das Herz der Wirtschaft hat bei Gunther Olesch nachgefragt. Für den Geschäftsführer von Phoenix Contact funktioniert der Wandel im Unternehmen für Elektrotechnik und Automation nur gemeinsam mit seinen Mitarbeitern. Und zwar mit allen, von der angelernten Fachkraft bis zur Führungskraft. Im Interview erklärt Olesch, wie das Management die Voraussetzungen für die Weiterbildung der unterschiedlichen Mitarbeitergruppen schafft und weshalb es so wichtig ist, dass die Bildungspolitik in mehr Hochschulprofessoren und Berufsschullehrer investiert, die sich um digitale Technologien für Industrie 4.0 kümmern.

Die Arbeitsplätze befinden sich durch die Digitalisierung im Wandel. Wie stellen Sie sicher, dass Arbeitsplätze bei Phoenix Contact erhalten bleiben?

Olesch: Wir haben eine klare digitale Vision definiert: Wir wollen die Arbeitsplätze aller Mitarbeiter sichern. Wir brauchen sie alle. Natürlich sollte auch eine Bereitschaft da sein, sich weiterzubilden. Wir haben ein Trainingszentrum, in das wir 35 Millionen investiert haben. Unsere Zukunft ist das digitale Industrieunternehmen, und dazu müssen die Mitarbeitenden qualifiziert werden. Es ist falsch zu sagen, dass die Leute in Massen ihren Job verlieren werden. Nach wie vor werden Menschen gebraucht. Viele unserer Maschinen zum Beispiel sind bereits digitalisiert. Über Displays geben sie jetzt an, wo ein Defekt vorliegt. Diese Maschine, die fünf Tonnen wiegt, kann aber nicht selbst zum Ersatzteillager gehen, das Modul holen und sich selber reparieren. Dafür brauchen wir immer noch Menschen. Man braucht Hochqualifizierte, die die Technologien entwickeln. Aber ich behaupte, auch die Jobs von weniger Qualifizierten werden nicht wegfallen. Denn die Technik unterstützt sie bei der Arbeit.

Wie wollen Sie konkret erreichen, dass Sie alle Mitarbeiter mitnehmen können?

Olesch: Digitalisierung ist kein klares Ziel. Deshalb informieren wir unsere Mitarbeiter über jeden einzelnen Schritt, den wir in Richtung Digitalisierung machen – auf Belegschaftsversammlungen, über unsere Werkszeitung, über Podcasts der Geschäftsführung oder auch in Workshops. Als zweiter Punkt kommt die Partizipation. Dort, wo sich etwas verändern wird, rufen wir alle Mitarbeiter zusammen – das können 600 bis 1.000 sein.

Dort wird dann diskutiert, wie die Mitarbeitenden die Digitalisierung der Zukunft mitgestalten können und wie ihr Arbeitsplatz aussehen sollte, wenn sie Daten demnächst zum Beispiel nicht mehr auf Papier sondern über ein iPad eingeben. Drittens ist natürlich die Qualifizierung wichtig. Wir haben im letzten Jahr zum Beispiel 14.000 Teilnehmer bei Weiterbildungsmaßnahmen gehabt. Die Mitarbeiter sagen, ich brauche diese oder jene Weiterbildung, um mit der Digitalisierung Schritt halten zu können. Diese Maßnahmen entwerfen wir dann und bieten sie hier im Bildungszentrum an.

Welchen Bedarf an Weiterbildung verursacht die Digitalisierung? Was macht einer Ihrer Mitarbeiter heute anders als vor zehn Jahren, was muss er können, was er vor zehn Jahren nicht können musste? Und was muss er vielleicht in fünf Jahren zusätzlich können?

Olesch: Nehmen wir eine Frau Müller, die vorher rein mechanisch Aufgaben an einer Montagemaschine erledigt hat. Sie musste beispielsweise Teile nachliefern, wenn die aufgebraucht waren. Heute informiert die Maschine rechtzeitig, „das oder das brauche ich, und zwar in einer halben Stunde“. Wenn ein Defekt an der zehn, zwanzig Meter langen Maschine entstand, dauerte es einst recht lang, ihn zu finden. Heute gibt die Maschine an: „In Modul 3, Abschnitt 2, CE, gibt es einen Fehler, ich brauche dieses oder jenes Ersatzteil.“ Frau Müller kann heute ganz gezielt hingehen, bereits ausgestattet mit dem richtigen Ersatzteil. Dafür muss sie die Maschine heute natürlich so beherrschen, dass sie weiß, wo Modul 3 ist. Aber wo Frau Müller früher vielleicht erst den Vorgesetzten holen musste, um ein Problem an der Maschine zu lösen, hat sie heute die Unterstützung von digitalen Assistenzsystemen – und kann dadurch sogar noch ein breiteres Aufgabenspektrum übernehmen. Dazu muss sie natürlich wissen, wie sie in Zukunft mit einem  Tablet die Anlage steuert. Das gab es vor zehn Jahren nicht. Und die Maschinen werden komplexer, je mehr die Leistungsfähigkeit steigt. Meistens ist allerdings die Technologie auch intuitiver geworden und das Handling der Maschinen einfacher. Das Entwickeln neuer High-Tech-Produkte dagegen ist heute viel anspruchsvoller. Da braucht es eine höher qualifizierte Fachkraft als noch vor zehn Jahren.

Wie beurteilen Sie die digitalen Grundkompetenzen, die neue Mitarbeiter in Ihr Unternehmen mitbringen?

Olesch: Bei der Grundbildung gibt es Nachholbedarf. Wir bewegen uns an der Spitze der Technologie, weil wir die Technologie selbst entwickeln. Die Hochschulen und die Berufsschulen müssen da erst nachziehen. Hier müsste die Politik bei den Curricula schneller vorangehen. Es sollte in Deutschland mehr in Bildung investiert werden. Bildungspolitik ist mit das Wichtigste für Deutschland, und dort sollte intensiv gearbeitet und investiert werden.

Was fehlt Ihnen im Detail? Haben Sie ein Beispiel?

Olesch: Lehrer an Berufsschulen und die Hochschulprofessoren sollten schneller in den neuen Technologien qualifiziert werden. Unser Kunde sagt „Ich will in einem oder einem halben Jahr was haben, nicht in drei und auch nicht in vier Jahren.“ Die Professoren haben manchmal nicht genügend  Zeit, Lehrinhalte für neue Technologien zu entwickeln, weil sie ihre Lehre machen müssen. Deswegen sollte in mehr Professoren investiert werden, die sich um neue Technologien kümmern und die Zeit haben, neue Curricula zu entwickeln. Wir investieren viel in Ingenieure, die sich um neue Technologien kümmern, weil es noch keine Qualifizierung an den Hochschulen gibt. Dasselbe gilt an den Berufsschulen: Ich muss als Lehrer meinen Unterricht machen, die Prüfungen vorbereiten, ich hab keine Zeit, mich um neue Unterrichtsfelder zu kümmern. Hier brauchen wir genauso mehr Berufsschullehrer, die Freiräume haben, neue Lehrinhalte zu entwickeln. Wenn außerdem in der Forschung und der Vermittlung mehr zusammengearbeitet würde, könnte man die Effizienz deutlich steigern.

Welche Digitalkompetenzen sollten Ihre Beschäftigten haben?

Olesch: Die Kompetenz, mehr in Projekten und in Teams zu arbeiten, wird immer wichtiger. Denn die Aufgaben sind durch die Digitalisierung komplex. Sie arbeiten in Projektgruppen, die vielleicht nicht einmal räumlich zusammensitzen. In dieser globalisierten, weltoffenen Arbeit fehlen häufig diese Kompetenzen. Englisch ist zum Beispiel eine Kompetenz. Oder auch Kollaboration, das heißt, die Informationen, die man hat, weiterzugeben.

Das müsste an Schulen und Hochschulen mehr gelehrt und gelernt werden. Das heutige Klausurenschreiben ist teilweise an der Praxis vorbei. Bei den Prüfungen müssten internationale Gruppen zusammenkommen, etwas gemeinsam erarbeiten und gemeinsam präsentieren. Wenn Sie mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Werten zusammenarbeiten, bringt das auch immer voran. So realisiere ich das selber als Honorarprofessor mit meinen Studenten.

Wie gelingt es Ihnen, Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen in Richtung digitale Zukunft weiterzubilden?

Olesch: Für die angelernten Fachkräfte, also diejenigen ohne Ausbildung, die ausgebildeten Facharbeiter und die Ingenieure sowie die Führungskräfte haben wir unterschiedliche Weiterbildungsinhalte. Führungskräfte zum Beispiel sind in Zukunft nicht mehr diejenigen, die nur Anweisungen geben. Sie müssen vielleicht ein internationales Team führen oder Teams über mehrere Qualifizierungsrichtungen. Sie müssen auswählen, wer als Team zusammenarbeiten kann. Die Führungskraft muss mit ihrem Team gemeinsam eine Strategie entwickeln: Welches neue Produkt wollen wir entwickeln, wie reagiert der Markt darauf? Und sie muss die Mitarbeitenden begeistern, damit sie sagen: Diese Lösung wollen wir erfolgreich auf den Markt bringen! Das sind unsere Inhalte für die Weiterbildung. Für die anderen Gruppen haben wir Workshops gemacht, bei denen die Beschäftigten selbst definiert haben, welche Qualifikationen sie bräuchten, um Ziele im Rahmen von Industrie 4.0 zu erreichen. Daraus machen die Ausbilder und Weiterbilder Curricula, nach denen sie hier im Bildungszentrum schulen. An der Maschine selbst lernen sie den praktischen Teil.

In welchen Kompetenzen sehen Sie in Ihrer Belegschaft den größten Weiterbildungsbedarf für die Digitalisierung?

Olesch: Hier sehe ich drei Themen: Technologie – wie behebe ich Fehler, wie steuere ich die Maschinen? Dann: Wie arbeite ich mit Menschen zusammen? Kommunikationskompetenz wird sehr entscheidend sein, das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, damit Teams, die nicht mehr räumlich zusammensitzen, optimal laufen.

Das haben die Mitarbeitenden in unseren Workshops selbst festgestellt. Der dritte Punkt: Es muss ein neues Mindset kommen, eine neue Einstellung. Man darf nicht davon ausgehen, ich weiß etwas, und deswegen wissen es die anderen auch. Da muss sich eine innere Haltung ändern, weil die Menschen nicht mehr am selben Ort arbeiten. Hier bieten wir Kooperationstrainings an. Jeder muss sich fragen: Was muss mein Projektteam wissen, damit es optimal arbeiten kann?

Brauchen Sie bei der Weiterbildung 4.0 Unterstützung von politischer Seite?

Olesch: Wir wollen unabhängig sein, egal von wem. Wenn wir für 14.000 Menschen Bildungsmaßnahmen durchführen, machen wir selbst sehr viel. Wenn wir Unterstützung von der Politik wollen, dann, dass sie auch mal Präsenz zeigt. Zum Beispiel hatten wir hier neulich den deutschen Ausbildertag. Aus ganz Deutschland sind Unternehmensvertreter aus der Bildung gekommen, von Siemens, Philips und vielen weiteren namhaften Betrieben. Von den eingeladenen Politikern ist kein einziger gekommen. Das war schon enttäuschend, muss ich sagen. Ich erwarte von der Politik, dass sie dort, wo sie verantwortlich ist, mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stellt – also für Berufsschulen und Hochschulen. Ich kann dafür sorgen, dass wir hier 35 Millionen Euro für Bildung investieren. Ich kann nicht dafür sorgen, dass eine Hochschule mehr Professoren bekommt, eine Berufsschule mehr Lehrer oder die technologischen Einrichtungen für die Digitalisierung. Das erwarte ich von der Politik.

Was halten Sie davon, wenn Weiterbildung für Beschäftigte auch von öffentlicher Seite über die Bundesagentur für Arbeit organisiert würde?

Olesch: Für die Weiterbildung der Mitarbeiter ist meiner Meinung nach das jeweilige Unternehmen zuständig. Für Arbeitslose ist das etwas anderes. Aber die Bundesagentur für Arbeit kann nicht die Qualifizierung für unser Unternehmen machen. Das können nur unsere Ausbilder, die selbst lange Zeit geschult wurden. Unsere Technologie verändert sich ständig.

Bei den neuen Produkten, die wir entwickeln, das sind 2.000 Artikel pro Jahr – da sind wir in zwei Jahren technologisch auf einem ganz anderen Stand, wir qualifizieren ständig weiter. Das kann die Bundesagentur für Arbeit nicht für uns machen.

In einigen Bundesländern gilt das Bildungszeitgesetz. Danach haben Beschäftigte Anspruch auf eine Freistellung von mehreren Tagen pro Jahr, um an beruflichen und politischen Weiterbildungen teilzunehmen. Ist das für ganz Deutschland ein guter Weg, um die Mitarbeiter fit für die Industrie 4.0 zu machen?

Olesch: Ich finde das gut, wir machen das sowieso schon. Unsere Weiterbildungen finden alle innerhalb der Arbeitszeit statt. In den meisten Fällen braucht man dafür aber kein Gesetz, da regelt das Unternehmen das für sich selbst.

Weshalb lohnt sich für Sie als Unternehmen die hohe Investition in Weiterbildung? Sollte die öffentliche Hand Sie hier unterstützen?

Olesch: Für uns lohnen sich die hohen Investitionskosten in Weiterbildung, weil wir dadurch unsere Marktführerschaft weiter ausbauen. Dadurch können wir sichere Arbeitsplätze und allen Beschäftigten und Kunden eine Zukunft bieten. Eine Technologie, die wir neu entwickelt haben, sind die Schnellladestecker für Elektroautos, weswegen Barack Obama und Angela Merkel auch bei uns auf dem Messestand waren. Hier brauchen wir Innovation. Aber es gibt zu wenig Hochschulen, die das vermitteln. Deswegen haben wir dieses Bildungszentrum aufgemacht, um auch in Zukunft weitere, neue Gedanken zu entwickeln. Die Wertschöpfung werden wir in fünf bis zehn Jahren sehen. Aber wir müssen jetzt handeln. Wenn wir Anträge zur Unterstützung von öffentlicher Seite stellen müssten, würde das viel zu lange dauern.

Wir sind Deutschlands Weiterbildungsbank.
Wir sind die Metall- und Elektro-Industrie.
Wir sind das Herz der Wirtschaft.

Fotos: dpa Picture Alliance/Friso Gentsch