„Digitale Bildung stiftet gesellschaftlichen Sinn“

Bosch bildet Fachkräfte für 4.0 weiter – und vermisst Investitionen in Grundbildung

Weiterbildung ist in der Industrie angesichts des Fachkräftemangels zukunftsentscheidend. Und die ist von Digitalisierung und Industrie 4.0 geprägt. So auch Bosch. Wir haben mit Ingo Rendenbach, Leiter des Bosch Training Centers und des Robert Bosch Kollegs, darüber gesprochen, wie das Automobilzuliefer- und Technikunternehmen seine Mitarbeiter mit Weiterbildung 4.0 fit für künftige Herausforderungen macht. So nimmt das Unternehmen aus dem Herz der Wirtschaft seine rund 400.000 Mitarbeiter durch Programme für alle Mitarbeitergruppen mit auf den Weg in die digitale Transformation. Rendenbach macht aber auch deutlich, dass die Bildungspolitik trotz unternehmerischer Initiative stärker in die digitale Grundbildung investieren muss.

Ein Thema, das die Industrie in Deutschland umtreibt, ist der Fachkräftemangel, ein zweites die Digitalisierung. Wie steht es mit den Fachkräften, die für die digitale Transformation benötigt werden?

Rendenbach: Die digitale Transformation erfordert in der Tat neues Wissen und somit mehr Qualifizierung als bisher. Ein sehr viel stärkerer Fokus auf das Thema Lernen ist notwendig, um die digitale Transformation zu meistern.

Welche Art von Fachkräften brauchen Sie momentan am dringendsten? Finden Sie genug davon?

Rendenbach: Für Zukunftsfelder wie Künstliche Intelligenz, Mobilitätsdienste und digitale Services oder auch Industrie 4.0 brauchen alle Unternehmen Software- und IT-Experten. Bosch beschäftigt heute mehr als 25.000 Software-Experten, Tendenz steigend. Wir können nach wie vor alle Stellen besetzen. Bei speziellen Profilen, wie zum Beispiel Softwareentwickler für Machine Learning oder Data Analysten, ist die Stellenbesetzung jedoch aufwändiger. Wir investieren zudem noch stärker in die Weiterbildung unserer Mitarbeiter und bieten beispielsweise ein Qualifizierungsprogramm zum Software-Architekten an.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie auch in einer digitalisierten Zukunft Mitarbeiter mit den nötigen Qualifikationen im Unternehmen haben?

Rendenbach:Einerseits müssen wir als Arbeitgeber attraktiv sein. Beispielsweise können unsere Mitarbeiter mobil und flexibel arbeiten. Das bedeutet, dass jeder Mitarbeiter grundsätzlich den Anspruch hat, über den Zeitpunkt und Ort seiner Arbeit selbst zu entscheiden, wenn es die jeweilige Aufgabe zulässt.

Andererseits ist Lernen von strategischer Bedeutung für uns. Lernen ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Transformation, daher haben wir die Bosch Learning Company-Initiative gestartet. Hier entwickeln wir über die bisherigen, umfangreichen Standard-Trainings-Programme zusätzliche, auf die Transformationsthemen bezogene Lernangebote.

Hierzu zählt das Programm SoftwareQualification@Bosch, in dem unter anderem Software-Ingenieure in mehrwöchigen Kursen in Zusammenarbeit mit Hochschulen für die Anforderungen der Zukunft weiterqualifiziert werden. Dabei geht es zum Beispiel um Künstliche Intelligenz. Genauso qualifizieren wir auch Hardware-Ingenieure für einen Einsatz im Software-Umfeld. Und für den Bereich Elektrifizierung bieten wir ein ähnliches Modell an. Unser Programm „Enabling for digital Transformation“ hat das Ziel, Lernangebote mit Bezug zur digitalen Transformation für alle 402.000 Bosch-Mitarbeiter weltweit zur Verfügung zu stellen.

Das reicht von einfachen Videos, die wichtige Themen der digitalen Transformation einfach erklären, über Lernangebote von der Werkstattebene bis zur Führungskraft, vom „Kenner“ über den „Könner“ bis zum Experten. Dieses Programm bietet auch ein Selbst-Check-Tool, mit dem ich mein Wissen über digitale Transformation selbst überprüfen und Lernempfehlungen geben lassen kann.

Welche Rolle spielt die bestehende Belegschaft dabei? Wie steht es um ihre digitale Grundbildung?

Rendenbach: Es kommt auf jeden einzelnen Mitarbeiter an. Die Erkenntnis, dass ich für meine Lernreise selbst verantwortlich bin, ist von entscheidender Bedeutung. Aber das kommt nicht immer und bei jedem von allein. Unternehmen können hier günstige Voraussetzungen schaffen. Die digitale Grundbildung jedoch bleibt Aufgabe der Schulen – wir dürfen also die Politik nicht aus ihrer Verantwortung für das Plus an Bildungsinvestitionen entlassen.

Für die Lernreise der Mitarbeiter brauchen wir auch eine attraktive Lerninfrastruktur und moderne Lernmethoden. Mit der Bosch Learning Company Initiative wollen wir Lernen schneller, flexibler, günstiger und attraktiver machen. Zum Beispiel mit unserem BoschTube, das nächstes Jahr startet. Experten aus der Belegschaft teilen dabei ihr Wissen in Form von kleinen Lern-Videos.

Wir brauchen zudem eine neue Lernkultur, indem wir vor allem informelles und selbstgesteuertes Lernen stärken. Dazu gehört das „SOLF – Selbst-organisiertes-Lern-Forum“. Die Teilnehmer haben ein gemeinsames Lernthema, kommen einen halben bis einen Tag zusammen und lernen gemeinsam – ohne Moderator oder Trainer. Dieses Format rollen wir gerade weltweit mit großem Erfolg aus. Ein weiteres Beispiel ist die Team-Kompetenz-Evaluation. Nicht mehr der Vorgesetzte im Mitarbeitergespräch entscheidet alleine, was gelernt wird.

Das jeweilige Team analysiert, welche Kompetenzen die nächsten Jahre benötigt werden, prüft, über welche das Team bereits verfügt, welche Lücken bestehen und wie sie gemeinsam beseitigt werden können.

Wie finden Sie heraus, welche Qualifikationen in den einzelnen Mitarbeitergruppen gebraucht werden – vom Bandarbeiter bis zum Ingenieur?

Rendenbach: Der Erfassung der Lernbedarfe kommt natürlich eine ganz besondere Bedeutung zu. Hier verfügen wir bereits seit langem über sehr gute Instrumente. Aber noch entscheidender ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich dieser Aufgabe selbst annehmen.

Wie ist die Akzeptanz der Weiterbildungsangebote in der Belegschaft?

Rendenbach: Generell ist sie hoch, nicht nur für die bisherigen, sondern auch für die neuen Lernangebote. Viele Mitarbeiter wollen lernen. Unsere Verantwortung ist es, dass sie dabei Spaß haben, die richtigen Inhalte zur Verfügung stehen und eine attraktive Lernlandschaft vorhanden ist.

Welche Unterstützung würden Sie sich von der Politik mit Blick auf die Fachkräfte wünschen, die Sie im digitalen Wandel brauchen?

Rendenbach: Nicht nur im Unternehmen, auch generell benötigen wir einen stärkeren Fokus auf das Thema Lernen beziehungsweise Qualifizierung und auf die für die digitale Transformation wichtigen Lerninhalte. Halbherzige Investitionen reichen hier nicht. Deutschland hat nur eine zukunftsrelevante Ressource: Wissen. Was für Unternehmen eine technische und wirtschaftliche Notwendigkeit ist, stiftet nicht zuletzt gesellschaftlichen Sinn.

Das Internet der Dinge, Sensorik und Robotik und künstliche Intelligenz sind Disziplinen, für die eine grundlegende digitale Bildung notwendig ist. Wichtig ist, dass schon im Bildungssystem die Offenheit für neue Lern- und Problemlösungsmethoden vermittelt wird. Soziale Medien bieten beispielsweise über neue Foren die Möglichkeit für selbstorganisiertes Lernen.

Gibt es Weiterbildungen oder generell Bildungsformate, die extern angeboten werden sollten?

Rendenbach: Es ist gut vorstellbar, dass öffentliche oder private Bildungsträger hier mit Modulen unterstützen. Ein konkretes Beispiel wäre die Weiterbildung vom Hardware- zum Softwarespezialisten.


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