„Dekarbonisierung und Nachhaltigkeit sind Kernelemente unseres Geschäftsmodells“

Die Industrie lebt den Klimaschutz mit neuen Verfahren und Produkten. Wie das den Heizungs- und Lüftungstechnikhersteller Wolf wandelt.

Dekarbonisierung und Klimaschutz verändern nicht nur die Produktion der Metall- und Elektro-Industrie. Auch die Produkte und das nötige Know-how wandeln sich rasant. So wie beim Heizungs- und Lüftungstechnik-Hersteller Wolf aus dem bayerischen Mainburg. Thomas Kneip, Vorsitzender der Geschäftsführung, über Nachhaltigkeit als Teil des Geschäftsmodells, Elektrifizierung, Digitalisierung und neue Kompetenzen sowie den dringenden Bedarf, die Förderbürokratie für klimafreundliche Sanierungen zu entbürokratisieren und die Energiepreise zu senken.

Welchen Stellenwert hat die Dekarbonisierung in Ihrem Unternehmen?

Nachhaltigkeit gehört für uns zu den wesentlichen Werten, auf denen wir unsere Unternehmensstrategie aufbauen. Ohne Dekarbonisierung ist nachhaltiges Handeln nicht möglich und hat bei uns daher einen sehr hohen Stellenwert – auch als Kernelement unseres Geschäftsmodells. Darum ist das Thema Nachhaltigkeit bei uns in der Geschäftsführung über ein eigenes Programm mit zahlreichen Projekten aufgehängt.

Für Megatrends wie Dekarbonisierung und Digitalisierung zählt Thomas Kneip, Vorsitzender der Geschäftsführung, auf die Veränderungs- und Innovationsfähigkeit der Beschäftigten.
Für Megatrends wie Dekarbonisierung und Digitalisierung zählt Thomas Kneip, Vorsitzender der Geschäftsführung, auf die Veränderungs- und Innovationsfähigkeit der Beschäftigten.

Welche Projekte zur Dekarbonisierung laufen bei Ihnen?

Die Produktentwicklung energieeffizienter Wärmepumpen ist ein großer Treiber bei den CO2-Einsparungen. Zusätzlich prüfen wir, wie wir unseren eigenen ökologischen Fußabdruck in der Wertschöpfungskette verkleinern können. Im Bereich, den wir direkt im eigenen Unternehmen beeinflussen können, geht es beispielsweise um energetische Gebäudesanierung, Elektrizität aus 100 Prozent erneuerbaren Energien, E-Mobilität für den Fuhrpark, energieeffiziente Anlagentechnik oder Photovoltaik auf dem Dach. Auch das mobile Arbeiten für unsere Beschäftigten und die Möglichkeit, Dienstreisen, wo es passt, mit digitaler Kommunikation zu ersetzen, gehören dazu. Größer sind die Herausforderungen bei den vor- und nachgelagerten Emissionen der Wertschöpfungskette. Insgesamt haben wir mehr als 100 Maßnahmen identifiziert, an denen wir in den kommenden Monaten und Jahren arbeiten wollen.

Die Produktion energieeffizienter Wärmepumpen ist nicht der einzige Beitrag, den der Heizungs- und Lüftungstechnikhersteller Wolf zum Klimaschutz leistet.
Die Produktion energieeffizienter Wärmepumpen ist nicht der einzige Beitrag, den der Heizungs- und Lüftungstechnikhersteller Wolf zum Klimaschutz leistet.

Was sind die wichtigsten Kompetenzen in Ihrer Belegschaft für die Nachhaltigkeit?

Da wir bei der Produktentwicklung mehr und mehr in Richtung Wärmepumpen gehen, brauchen wir ganz klar Kompetenzen bei den Themen Kälte- und Regelungstechnik. Zum Beispiel können Wärmepumpen Solarstrom auf Grundlage digitaler Daten der Wettervorhersagen intensiv nutzen, wenn Sonne angesagt ist. Wir bilden in den genannten Bereichen sehr viel selbst aus. So sind viele unserer Entwickler, die früher Ölheizungen entworfen haben nun Teil des Entwicklungsteams für Wärmepumpen. 

Generell sind in der Transformation Veränderungsbereitschaft und Innovationskompetenz sehr gefragt. Bei der Suche nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern spielt das eine große Rolle. Dies gilt genauso für Beschäftigte, die schon bei uns sind. Wir haben schon immer ein gut funktionierendes Verbesserungsmanagement, um Ideen zu sammeln. Es ist Teil unserer Führungskultur, neue Vorschläge und Verfahren positiv zu bewerten. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Wie verankern Sie das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Belegschaft?

Ich setze darauf, möglichst viele Personen in kleine Projekte zu involvieren und so ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu schaffen. Wir haben zum Beispiel ein Talentmanagementprogramm für rund 15 junge Talente mit Potenzial für Führungsaufgaben. Eine der Aufgaben war die Suche nach Ideen rund um den Themenbereich Nachhaltigkeit. Ein Ergebnis ist das erwähnte Nachhaltigkeits-Programm der Geschäftsführung.

Finden Sie die Skills unter den Bewerberinnen und Bewerbern, die Sie zur Dekarbonisierung brauchen?

Der Wettbewerb um gute Mitarbeiter ist einer der schwierigsten, den wir führen. Wir arbeiten hart daran, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein – durch flexible Arbeitszeitmodelle, mobiles Arbeiten und attraktive Tätigkeiten in einer Branche, die durch die Megatrends Digitalisierung und Klimawandel sehr bedeutend ist. Beim Thema Ausbildung oder Studium gibt es aber schon einiges, was der Industrie überlassen wird. Es gibt schlicht und einfach zu wenig Kälte- und Regelungstechniker. Deshalb müssen wir immer noch viel selbst in Aus- und Weiterbildung investieren, um die gesuchten Qualifikationen aufzubauen. Besonders die Fähigkeit und Bereitschaft zur Veränderung ist dabei gefordert. Das ist etwas, was in unserem sehr akademisch ausgerichteten Ausbildungssystem nicht unbedingt im Vordergrund steht. 

Im Klimawandel müssen Ausbildungsunternehmen wie Wolf die gesuchten Qualifikationen der Fachkräfte oft selbst aufbauen, da sie am Arbeitsmarkt schwer zu finden sind.
Im Klimawandel müssen Ausbildungsunternehmen wie Wolf die gesuchten Qualifikationen der Fachkräfte oft selbst aufbauen, da sie am Arbeitsmarkt schwer zu finden sind.

Wie gut ist die politische Unterstützung allgemein auf dem Weg in die Dekarbonisierung?

Für die klimafreundliche Sanierung gab es bereits einige Förderprogramme. Der neuen Koalition muss man hier noch etwas Zeit geben, ihre Versprechen einzulösen. Ich sehe aber erheblichen Nachholbedarf bei der Reduzierung der Förderbürokratie. Sowohl für die Hersteller, weil bestimmte Produktanforderungen nicht ausreichend definiert sind, als auch für den Endkunden. Da braucht es schon fast ein Steuerstudium, um beispielsweise eine Förderung für die Photovoltaik-Anlage für das eigene Haus zu erhalten. Ein zweites Thema ist das Management der Energiepreise. Diese sind in Deutschland höher als in den meisten anderen Ländern Europas, hauptsächlich getrieben durch die Steuerpolitik. Wenn die Bundesregierung nachhaltige Heizungstechnik im Gebäudebereich über die Wärmepumpe will, müssen die Strompreise deutlich gesenkt werden.

Fotos: WOLF