Dauerhaftes Lernen wichtiger als je zuvor

BMW-Personalchef Köhler erklärt, wie E-Mobilität die Qualifizierung verändert

Bei der Qualifizierung stehen Betriebe und Beschäftigte der Automobilindustrie vor erheblichen Herausforderungen. Wesentliche Gründe dafür sind der Umbau zur Elektromobilität und die Digitalisierung. Worauf es bei der BMW Group ankommt, erläutert Klaus Köhler, Leiter Personalentwicklung, Recruiting und Qualifizierung. Der Experte betont auch: Zukunftsrelevante Kompetenzen müssen von Anfang an im deutschen Bildungssystem verankert sein.

 

Studien prognostizieren, dass in der Entwicklung und Produktion des Verbrennungsmotors Berufe verschwinden werden, während durch E-Antriebe, Automatisierung und die Vernetzung des Fahrens neue entstehen. Welche Experten braucht BMW künftig für welche Technologie?

Köhler: Das Erfordernis neuer Kompetenzen durch Technologiewandel und die Entwicklung neuer Expertenprofile ist für die BMW Group nichts Neues. Hierbei haben wir seit über 100 Jahren Übung und wir sehen uns hier gut aufgestellt. Wir brauchen weiterhin Experten im gesamten MINT-Bereich. Dazu gehören zum Beispiel auch Mechatroniker oder Karosseriebauer. Neue beziehungsweise zusätzliche Kompetenzen benötigen wir in den von Ihnen genannten Bereichen Elektrifizierung, Connectivity und autonomes beziehungsweise hochautomatisiertes Fahren, aber auch für neue Formen der Mobilität wie Car-, Ride- oder Park-Sharing. Neben den klassischen Ingenieuren steigt im Bereich der Elektromobilität zum Beispiel der Bedarf an Chemikern, die besonders für die Karosserie-Werkstoffe und für Elektro-Antriebe gebraucht werden. Wir brauchen außerdem Experten mit IT-Kompetenzen und Software-Entwickler für Design, Steuergeräte, Fahrerassistenzsysteme und Safety.

Besonders wichtig ist für uns heute auch die Fähigkeit, das große Ganze im Blick zu haben und jederzeit die Einzelthemen in ein komplexes Gesamtsystem integrieren zu können. Voraussetzung für die technologische Weiterentwicklung ist zudem die Bereitschaft zum kontinuierlichen Lernen. Wir bieten entsprechende Qualifizierungsmöglichkeiten an und unsere Mitarbeiter nutzen diese auch.

Welche Berufe werden Ihrer Einschätzung nach künftig wichtig? Und wo braucht es schon in der Ausbildung oder im Studium ganz neue Berufsbilder?

Köhler: Wichtig sind für uns alle Berufe, die Wertschöpfung generieren, da will ich nicht werten! MINT-Kompetenzen sind aktuell relevanter denn je. Gefragt sind Fachkräfte, die sowohl die technischen als auch die IT- und die wirtschaftlichen Facetten der Technologien verstehen. Bezüglich künftiger Berufsbilder sehen wir uns zunächst die erforderlichen Kompetenzfelder an. Für uns sind das derzeit fünf: Data Analytics und Big Data, Software-Architektur und agile Softwareentwicklung, dann der Bereich Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren sowie Elektromobilität, innovative Antriebe und Leichtbau. Und last but not least smarte Produktion und Logistik sowie Robotik.

Damit wir in diesen Themenfeldern langfristig Kompetenz aufbauen können, haben wir neue Berufsbilder wie den Elektroniker für Automatisierungstechnik oder den Fachinformatiker eingeführt und duale Studiengänge in unser Ausbildungsportfolio aufgenommen. Ein Beispiel dafür ist die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker für System- und Hochvolttechnik gepaart mit einem Bachelor für Fahrzeugtechnik oder Maschinenbau. Auf jeden Fall behält die berufliche Erstausbildung zum Facharbeiter bei uns einen weiterhin sehr hohen Stellenwert.

Welche Veränderungen können Sie mit Weiterbildungen Ihrer Mitarbeiter abdecken?

Köhler: Ich möchte noch einmal speziell auf die Elektromobilität eingehen. Hier haben wir es vor allem mit veränderten Kompetenzbedarfen in der Entwicklung, in der Produktion und im Service zu tun. In der Produktion und im Service geht es dabei vor allem um den Umgang mit Hochvolttechnik. Vereinfacht kann man sagen: Abgesehen von der Hochvolttechnik ist die Montage eines Elektromotors, eines Hochvoltspeichers oder eines gesamten Fahrzeugs mit Elektro- oder Hybridantrieb immer noch ein klassischer Montageprozess, also ein mechanischer Arbeitsvorgang. Bezüglich Hochvolttechnik haben wir inzwischen langjährige Erfahrung. Dabei gehen Weiterbildung und praktische Umsetzung beziehungsweise „learning on the job“ Hand in Hand.

So ist zum Beispiel im Bereich der Entwicklung und in der Fahrzeugintegration die erforderliche Qualifikationstiefe enorm. Hier brauchen wir kompetente Elektrotechnik-Ingenieure, Fahrzeugtechniker mit Spezialisierung auf Elektrifizierung, aber auch Chemiker für die Batteriezellenforschung. Nicht alle Kompetenzen können wir durch Weiterbildung aufbauen – ein Beispiel ist die Batteriezellenforschung. Hier setzen wir mit gezieltem Recruiting beziehungsweise einer Erweiterung unserer Berufsausbildung an. Ein kontinuierlich hohes Qualifikationsniveau unserer Mitarbeiter erreichen wir unter anderem auch durch Angebote von Online- und blended Learning, hier arbeiten wir auch mit etablierten externen Plattformen zusammen.

Zusätzlich zur fachlichen Weiterbildung setzen wir uns auch mit alternativen Arbeitsmethoden auseinander: Aufgaben wie zum Beispiel die Entwicklung des autonomen Fahrens oder in der IT haben einen Komplexitätsgrad, den Sie mit herkömmlichen Methoden der Fahrzeugentwicklung nicht in einer wettbewerbsfähigen Zeit schaffen. Deshalb haben wir – dort wo erforderlich und vorteilhaft – unsere Arbeitsmethoden geändert in agile Arbeitsweisen, zum Beispiel Large Scale Scrum. Außerdem ist es natürlich wichtig, auch unsere Führungskräfte auf Herausforderungen durch das volatile Umfeld vorzubereiten – dazu bieten wir vielfältige Maßnahmen an.

Auf welchem Stand sehen Sie Ihre Belegschaft aktuell, was die nötigen Qualifikationen für alternative Antriebstechnologien und Bereiche wie autonomes Fahren betrifft?

Köhler: Bei der BMW Group arbeiten hervorragend qualifizierte Mitarbeiter in allen Bereichen, wir verfügen damit über ein sehr gutes Know-how. Unsere Mannschaft ist bestens gerüstet, die kommenden Herausforderungen zu meistern. Die Mitarbeiter sind hochmotiviert, weiter zu lernen und sich auf neue Anforderungen vorzubereiten. Das lässt sich auch durch Zahlen belegen: 2016 waren 7.500 Teilnehmer in Trainingsmaßnahmen in den von uns definierten Zukunftskompetenzfeldern, im letzten Jahr waren es bereits 27.000 . Wir dürfen uns darauf aber nicht ausruhen und werden uns darauf nicht ausruhen – denn für uns als Unternehmen wie auch für jeden einzelnen Mitarbeiter gilt, dass dauerhaftes Lernen wichtiger ist als je zuvor.

Wie könnte die staatliche Bildung den Aufbau der nötigen Qualifikationen gezielt fördern?

Köhler: Es braucht beide Seiten – Wirtschaft und Staat –, um die Transformation aktiv zu gestalten, um Chancen auf Wachstum und Beschäftigung zu erhalten und zu erhöhen. Eine gute Erstausbildung ist die entscheidende Basis. Ein wichtiger Schritt ist also, zukunftsrelevante Kompetenzen von Anfang an in unserem Bildungssystem zu verankern. Wir brauchen adäquate Ausstattungen an unseren Schulen und Berufsschulen und eine kontinuierliche Qualifikation der Lehrkräfte. Wichtig ist außerdem, dass nicht nur die Hochschulen im Fokus sind, sondern auch die berufliche Erstausbildung entsprechend ihrem hohen Stellenwert honoriert wird. Dafür sollte man grundlegende Weichen stellen.

Abschließend möchte ich noch betonen, dass es essenziell und erfolgskritisch ist, Frauen für MINT-Berufe zu motivieren und die Entwicklung von Frauen in diesen Berufsbildern zu fördern. Ausreichend kompetente Mitarbeiter im MINT-Bereich sind unser Schlüssel zum Erfolg. Da können und werden wir auf weibliche Experten und Führungskräfte auf keinen Fall verzichten.

Herr Köhler, vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: BMW

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