Corona: M+E-Firmen kämpfen mit Ideen gegen die Krise

Drei Beispiele, wie Unternehmen die Corona-Krise für neue Produkte nutzen

Die Corona-Krise trifft die Unternehmen in Deutschland mit Auftragseinbrüchen, Produktionsstopps und Kurzarbeit hart. Viele Firmen der Metall- und Elektro-Industrie haben die Zwangspause genutzt und in kürzester Zeit neue Produkte aufgelegt. Drei Beispiele, wie Kreativität, kurze Wege, Netzwerke und Engagement gegen die Ohnmacht in der Krise genutzt werden.

Der Hygiene-Haken

Türklinken anfassen, Einkaufswagen schieben – seit Corona vermeiden viele solche Viren-Hotspots, wenn sie nicht frisch desinfiziert sind. Eine hygienische Alternative hat das Kunststoffunternehmen Böhm Plast Technology aus Neuenrade auf den Markt gebracht.

Anregung war das Bild eines Hakenmodells aus dem 3-D-Drucker, das ein Freund an Geschäftsführer Dennis Böhm geschickt hatte. Vater Detlev Böhm, Mit-Geschäftsführer und erfahrener Werkzeugmacher, entwickelte übers Wochenende ein Werkzeug, innerhalb von fünf Tagen war der praktische Hygienehaken marktreif. Einkaufswagen, Türklinken, Toilettendeckel, Lichtschalter, die Haltewunsch-Taste im Bus: Mit dem multifunktionalen Teil lässt sich einiges ohne direkten Kontakt bewegen.

„Wir haben keinen klassischen Vertrieb für Endkunden. Also habe ich einfach mal ein Ebay-Konto errichtet und einige Zeitungen informiert“, berichtet Dennis Böhm. 600 Mails an einem Tag und ein Wochenende des Eintütens waren die Folge. Das hat mittlerweile ein befreundeter, auch von Kurzarbeit betroffener Industriegroßhandel übernommen.

Rund 15.000 Haken gingen in den ersten eineinhalb Monaten weg. Gut 500 pro Woche sind es noch. „Wir könnten 70.000 Stück in der Woche herstellen“, sagt Dennis Böhm. Produziert wurde auf Lager, verkauft werde mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis. „Wir wollten in erster Linie etwas Gutes tun“, sagt der junge Geschäftsführer, der erst im September das Unternehmen übernommen hat: „Retten könnten uns die Haken nicht.“

Ausstattung für Restaurantküchen wegen Corona nicht gefragt

Und sie haben die 80 Mitarbeiter auch nicht vor der Kurzarbeit bewahrt. Böhm Plast Technology ist auf hochtechnische Produkte aus Duro- und Thermoplasten spezialisiert. Für große Kunden liefern die Neuenrader hitzebeständige Pfannenstiele, Ventilbaugruppen für Schnellkochtöpfe oder Ausstattungsteile für Restaurantküchen – in Zeiten des Lockdowns waren das schwierige Geschäftsfelder. „Das erste Quartal lief über Plan, im Mai hat es uns dann voll getroffen“, sagt Dennis Böhm. Bei ersten Kunden ziehe es allerdings wieder an. „Wir hoffen, dass wir so bis zu den Betriebsferien kommen und danach wieder hochfahren können.“ Der Hygienehaken bleibt auf jeden Fall im Programm.

Schläuche für Beatmungsgeräte

Rund 40 Prozent seiner Produktion liefert das Unternehmen BIW Isolierstoffe an die Auto-Industrie. Doch als die von heute auf morgen ihre Produktion herunterfuhr, wurde der Zulieferer nicht mehr gebraucht. Dafür setzten andere auf das Know-how und die Fertigungsmöglichkeiten der Ennepetaler.

Statt Kabelschutzsystemen fürs Auto waren mit Covid-19 plötzlich wiederverwendbare Siliconschläuche für Beatmungsgeräte gefragt. In der Sache bekam Geschäftsführer Ralf Stoffels sogar Post von der Bundesregierung. Die hatte die Herstellung von mehreren Tausend Beatmungsgeräten in Auftrag gegeben –ohne die Schläuche von BIW hätte das nicht erfüllt werden können.

„Wir haben für diese Aufträge zwischen 300.000 und 400.000 Meter produziert. Diese Menge wird sonst in zehn Jahren nicht abgerufen“, sagt der Firmenchef. Dafür wurde der kleine Bereich Medizintechnik im Unternehmen innerhalb kürzester Zeit hochgefahren, wurden Maschinen umgerüstet, Mitarbeiter geschult.

Lokaler Hersteller sichert in Corona-Krise Lieferketten

„Sie waren richtig gut motiviert und sind sehr stolz, dass sie diesen Beitrag leisten konnten“ sagt Stoffels. „Wir konnten flexibel reagieren und diesen Bedarf schnell decken.“ Er weiß aber auch, dass dieses Hoch ein kurzfristiges ist: „Die Gerätehersteller produzieren diese Menge nicht auf Dauer.“

Als Effekt erhofft er sich aber, dass die Wertschätzung der lokalen Lieferanten wächst: „Wir liefern Qualität vor Ort und machen die Entwicklung hier. Das ist ein Mehrwert.“ BIW produziere zudem wiederverwendbare Schläuche, mit denen sich der viele Müll der Wegwerfartikel vermeiden lasse.

Zumindest einen zusätzlichen neuen Kunden in der Medizintechnik wird BIW wahrscheinlich aus der Krise mitnehmen. Und auch bei den Hausgeräten, einem anderen Geschäftsfeld des Unternehmens, sei der eine oder andere zurückgekommen, als die globalen Lieferketten unterbrochen waren. Das hat die Einführung der Kurzarbeit in Teilbereichen Mitte Mai zwar nicht verhindern können, lässt aber hoffen.

Hygieneschutz und Outdoor-Möbel

Kurzarbeit, Ausweitung des Homeoffice, andere Schichtabläufe, strenge Hygienevorschriften: Auch im Unternehmen Paul Müller in Balve, das Logistik- und Verpackungssysteme insbesondere für die Automobil-Industrie herstellt, hat das Corona-Virus einiges auf den Kopf gestellt. Mit viel Kreativität hat sich das Unternehmen durchgebissen. „Wir wollten einen Beitrag zum Schutz der Menschen leisten“, sagt Geschäftsführer Tobias Müller, „das war das Hauptziel.“

So entwickelte ein Team direkt zum Beginn des Lockdowns innerhalb weniger Stunden einen Spuckschutz, der im Einzelhandel, in Arztpraxen oder Banken vor Tröpfchenübertragung schützen soll. Gemeinsam mit der Firma Optimal Planen aus Menden wurden mobile Trennwände aus mit Kunststoffplanen bespannten Metallrahmen auf den Markt gebracht, beispielsweise für Krankenhäuser.

Krise schafft Zeit für Unternehmen, exotische Ideen umzusetzen

Den ersten einfachen Modellen sind mittlerweile etliche Varianten gefolgt. „Wir haben darauf reagiert, was gebraucht wurde. Und die Mitarbeiter haben viele Ideen und Gedanken eingebracht“, berichtet Katharina Capua, Assistentin der Geschäftsführung. Es gibt optisch ansprechende Trennwände, die sich auch im Restaurant gut machen.

Für viele Kirchen im Umkreis wurde eine Lösung für die Hostienausgabe gefunden. Abtrennungen für Taxis, Fahrschulen, Bürgerbus und Polizeifahrzeuge sind im Angebot. „Wir haben für uns keine Desinfektionsständer bekommen. Also haben wir sie selbst gebaut. Erst einfach aus Edelstahl, jetzt bieten wir zusätzlich eine schicke Variante aus Kunststoff und Metall an“, sagt Capua. Das Unternehmen hat den entsprechenden Maschinenpark, kennt sich mit beiden Materialien aus – und mit Holz. Ein großer Vorteil und der direkte Weg in ein weiteres Geschäftsfeld.

Denn durch Auftragsrückgänge war Zeit da, auch eine zuvor nur grob angedachte Idee umzusetzen: die Sparte Müller-Outdoor. „Wir starten mit geschwungenen Holzliegen, sauerländisch Fläzbänksken genannt. Denkbar sind dann auch besondere Fahrradständer oder ein Bierkühlschrank zum Mitnehmen oder, oder, oder…“, erzählt Katharina Capua. „Es ist eine harte Zeit, aber sie hat uns in vielem auch nach vorn gebracht.“

Wir sind Deutschlands Zukunftsindustrie.
Wir sind die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie.
Wir sind das Herz der Wirtschaft.

Fotos: Böhm Plast Technology (1), Hamilton Medical AG/Reinhard Fasching (1), BIW (2), Paul Müller (2)