Bildungscloud bringt Wissen aus allen Lernbereichen zusammen

Digitale Plattform ermöglicht Zugriff auf Materialien für die Aus- und Weiterbildung

Lernen für den Beruf muss digitaler werden. Wie das gelingen kann, hat das Herz der Wirtschaft Christoph Meinel gefragt, Professor am Lehrstuhl für Internet-Technologien und Systeme am Hasso Plattner Institut. Seine Idee: Eine für jeden zugängliche Lernplattform im Internet, die Lernen digital und demokratischer macht. Daran soll sich auch der Bund beteiligen, findet er. Auch Inhalte für die Aus- und Weiterbildung von M+E-Mitarbeitern könnten Teil dieser Bildungscloud sein. Das würde vor allem kleineren Unternehmen zugutekommen, die ihre praxisnahen Bildungsangebote so mit aktuellen Inhalten einfach ergänzen könnten.

 

Herr Meinel, Sie werben für den Aufbau einer „Bildungscloud“ in Deutschland. Das klingt reichlich abstrakt. Was ist die Idee dahinter?

Meinel: Kurz gesagt geht es darum, vorhandene Bildungsangebote über eine Online-Plattform jedem Interessierten einfacher zugänglich zu machen.

Warum ist so etwas notwendig?

Meinel: Die digitale Transformation ist in vollem Gange und betrifft inzwischen alle Lebensbereiche. Auch Bildung und Wissen werden immer schnelllebiger, lebenslanges Lernen immer wichtiger – allein schon, weil heutzutage kaum noch jemand sein Leben lang im selben Beruf arbeitet. Fort- und Weiterbildungen gewinnen an Bedeutung. Bisher müssen Lernende und Lehrende aber meist vor Ort präsent sein, um die Lernangebote von Bildungseinrichtungen nutzen zu können. Das ist zeitaufwendig und kostspielig. Auch in Schulen findet Lernen immer noch viel zu analog statt. Es fehlt an interaktiven und leicht abrufbaren Lernquellen.

Es gibt doch Lernsoftware für Schüler und Berufsschüler, Universitäten stellen Vorlesungen online oder bieten ganze Studiengänge via Internet an.

Meinel: Richtig, es gibt schon heute viele digitale Lernangebote, auch die Nachfrage danach steigt, aber sie liegen kaum auffindbar oder ganz unzugänglich in Silos. Wer nicht genau weiß, wo er suchen muss und wer was anbietet, hat es schwer, das passende Angebot für sich zu finden. Mit einer Bildungscloud ließe sich eine digitale Lernumgebung schaffen, die den Bildungszugang für alle erleichtert und Lernen agiler, transparenter und zielgenauer macht.

Stehen dann Webinare, Vorlesungsunterlagen und sonstige Lernmaterialien, die jetzt auf Uni-Servern lagern, der Allgemeinheit auf einem großen Server zur Verfügung?

Meinel: Ja, aber noch viel mehr. Die Bildungscloud soll Wissen aus allen denkbaren Lernbereichen zusammenzubringen, wie Schule, Universität, Ausbildung und Weiterbildung und auch völlig verschiedene Formate. So könnte sie zum Beispiel auch – ergänzend zu einer praxisnahen Ausbildung – Inhalte für die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern enthalten. Das würde vor allem kleineren Unternehmen zugutekommen, in denen es meist keine Spezialisten für diese Themen gibt.

Wie könnte diese Cloud technisch funktionieren?

Meinel: Heutzutage besitzt nahezu jeder ein Smartphone, die meisten Menschen verfügen auch über ein Tablet oder einen Laptop. Solche mobilen Geräte erlauben es, jederzeit und von überall auf Bildungsinhalte in der Cloud zuzugreifen, Inhalte zu teilen, zu diskutieren und zu bewerten. Mittels Cloud Computing, also der Bereitstellung von IT-Infrastruktur über das Internet, lässt sich das realisieren. Niemand müsste eine Lernsoftware installieren. Nötig sind nur internetfähige Anzeige- und Eingabegeräte und natürlich ein Internetanschluss.

Fehlt nicht der zwischenmenschliche Kontakt beim Lernen?

Meinel: Die Bildungscloud wäre eine Ergänzung und kein Ersatz für analoge Lernangebote. Es soll also niemand nur allein in seiner Studierstube sitzen und digital lernen. Zudem steckt hinter der Bildungscloud auch ein Community-Gedanke: Was ich mir vorstelle, ist deshalb nicht nur eine Plattform, die alle verfügbaren Lernangebote bündelt. Es sollte auch ein Bewertungssystem geben, sodass Teilnehmer Bildungsangebote bewerten und gegebenenfalls anderen empfehlen können. Ein solches System eignet sich auch zur Qualitätssicherung von Lerninhalten. Das Ganze wächst nach und nach zu einer riesigen Lerncommunity.

Seit dem Jahr 2016 läuft ein Pilotprojekt zur Bildungscloud – die Schul-Cloud. Warum war es sinnvoll, damit zu beginnen?

Meinel: Längst prägt die Digitalisierung den Alltag von Schülern außerhalb der Schule. Die Nutzung und inhaltliche Auseinandersetzung mit digitalen Medien im Unterricht ist notwendig – aber leider immer noch eine Ausnahme. In vielen Schulen stehen Rechner in separaten Computerräumen, deren Wartung nicht selten davon abhängt, dass Lehrkräfte oder Schüler sie freiwillig übernehmen. Auch Breitbandanschlüsse gibt es in vielen Schulen nicht. Eine moderne Lehr- und Lerninfrastruktur ist aber unabdingbar, um Kinder schon im Schulalter optimal auf das Leben in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft vorzubereiten. Mit der Schul-Cloud möchten wir fächerübergreifend digitale Inhalte im Unterricht einfach und sicher nutzbar machen. In einer Pilotphase wird die Schul-Cloud gerade bundesweit an 27 ausgewählten Schulen getestet und weiterentwickelt. Zum nächsten Schuljahr sollen können dann alle rund 300 Schulen unseres Projektpartners, des nationalen Excellence-Schulnetzwerkes MINT-EC, an die Cloud angeschlossen werden.

Die Schulcloud entsteht im Auftrag des Bundes – dabei fällt Bildung eigentlich in den Aufgabenbereich der Länder. Warum sollte der Bund in Sachen Bildungscloud aktiv werden?

Meinel: Ja, die Entwicklung der Schul-Cloud wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert als Anstoß, um den digitalen Wandel an den Schulen voranzubringen – eine Aufgabe, für die Bund und Länder gemeinsam Verantwortung tragen. Wenn jedes Land hier sein eigenes Süppchen kocht und die Synergien und Skalierungseffekte im Schulbereich nicht nutzt, wird es viel teurer und weniger leistungsstark. Es wäre fatal, wenn wir in Deutschland am Ende 16 Schul-Clouds aufbauen und betreiben müssten. Das bundesweite Schul-Cloud-Projekt wird von staatlicher Seite durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Auch Unternehmen werden davon mittelfristig profitieren. Bildungsinvestitionen sind schließlich immer auch Wirtschaftsinvestitionen.

Wir sind Deutschlands Weiterbildungsbank.
Wir sind die Metall- und Elektro-Industrie
Wir sind das Herz der Industrie.