Autoindustrie: Deutschlands Wachstumsmotor stottert

Automobilzulieferer besonders gefordert von Technologiewandel und Corona

Die Automobilindustrie, lange der starke Wachstumsmotor in Deutschland, hat spürbar an Kraft verloren. Die Hauptgründe: ein schrumpfender Weltmarkt, der Wandel der Antriebstechnologien und jetzt der Nachfrage-Schock durch Corona.

Bereits 2019 schrumpfte der für die Automobilbranche hierzulande lebenswichtige Weltmarkt. Der voranschreitende Technologiewandel zum elektrischen Antriebsstrang stellt insbesondere die kleinen und mittelständischen Automobilzulieferer zusätzlich vor Herausforderungen. Im Frühjahr 2020 traf dann die Corona-Pandemie die Automobilindustrie mit großer Härte: Zunächst rissen die globalen Lieferketten. Jetzt ist die Autoindustrie mit einem globalen Nachfrage-Schock konfrontiert, von dem sie sich nur langsam erholt. Das zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Hier die Kernergebnisse im Detail:

  • Automobilindustrie wirkt auf die gesamte Wirtschaft: Sie ist weiterhin die zentrale Industrie des Landes. Sie stützt viele andere Branchen wie die Metallerzeugung, elektrische Ausrüstungen, Maschinenbau, Glas und Keramik oder Telekommunikation. Deshalb hat ihre jetzige Schwäche Auswirkungen auf die gesamte heimische Wirtschaft.
  • Noch vor Kurzem Deutschlands Vorzeigeindustrie: Von 2008 bis 2018 erzielten die Unternehmen der Automobilbranche einen Absatzrekord nach dem anderen. Haupttreiber der Entwicklung war das starke Wachstum des chinesischen Marktes. Davon konnten die heimischen Hersteller und Automobilzulieferer weit stärker profitieren als ihre europäische Konkurrenz. Deutschlands Vorzeigeindustrie entwickelte sich signifikant besser als das Verarbeitende Gewerbe insgesamt – und schob deshalb die gesamte heimische Wirtschaft mächtig an.
  • Autoindustrie als Wohlstandsgarant: Im Jahr 2017 machte die weltweite Nachfrage nach deutschen Autos fast 10 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung hierzulande aus. Etwas mehr als 7 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse waren direkt oder indirekt hierauf zurückzuführen. Und auch die Löhne in der Automobilindustrie sind überdurchschnittlich hoch: So verdienten laut IW die 892.000 direkt Beschäftigten 3,9 Prozent der Bruttolohnsumme in Deutschland, obwohl sie nur 2,2 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer ausmachten.
  • Schlüsselposition für die Forschung: 2017 stammte fast die Hälfte aller Patentanmeldungen in Deutschland aus der Autoindustrie. Sie leistete fast 40 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen im verarbeitenden Gewerbe, bei der Auftragsforschung waren es sogar fast zwei Drittel. Damit hat die Branche eine Schlüsselrolle für die deutsche Forschungstätigkeit. 2017 entfielen laut Studie mehr als elf Prozent der Patente auf Elektroantriebe inklusive Brennstoffzelle, Hybridgetriebe und Energiespeichertechnik.
  • Investitionen der Autoindustrie stärken Standort: Die Autoindustrie tätigte zuletzt mit mehr als 45 Milliarden Euro 6,6 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Bruttoanlageinvestitionen. „Keine andere Industriebranche investierte so viel am Standort Deutschland, wie es die Autoindustrie getan hat“, betonen die IW-Forscher.
  • Corona-Krise stoppt gute Entwicklung endgültig: Die guten Jahre sind zumindest vorläufig vorbei. Im April 2020 lag die Fertigung in Deutschland sogar weitgehend still, fast 60 Prozent der Beschäftigten der Autoindustrie waren in Kurzarbeit.
  • Besonders kleine Automobilzulieferer leiden: Hersteller und große Zulieferer profitieren davon, dass die globalen Automärkte sich zu erholen beginnen. Anders die kleineren Zulieferer, die oftmals hoch spezialisiert sind. Bei ihnen kumulieren sich die negativen Folgen von Konjunkturabschwung, Technologiewandel und Corona-Krise. Während die Autobauer und großen Zulieferer etwa ihre Arbeitsbereiche umschichten, weg von den konventionellen Antrieben hin zur Elektromobilität, haben Zulieferer wie Gießereien von Motorenblöcken diese Möglichkeit nicht.
Besonders kleinere Automobilzulieferer kämpfen mit der Krise. Grafik: Gesamtmetall

Die Studienautoren bilanzieren: „Die Pandemie wirkt in mancher Hinsicht verstärkend, da sie eine Branche traf, die sich bereits in einem Anpassungsprozess befand.“ In der Folge stehe die Autoindustrie erstmals nach einem Jahrzehnt wieder vor spürbaren Personalanpassungen und werde als Wachstumslokomotive für den Standort Deutschland zunächst ausfallen.