06 April 2017

Zehnkämpfer voller Ideen

Leichtathlet Paul Meier entwickelt digitales Schließsystem für Autos

Zehnkämpfer voller Ideen

Medaillen sucht man im Büro von Paul Meier vergeblich. Dabei war der Ingenieur früher nicht nur ein guter Leichtathlet; er war einer der Weltbesten. Bei den Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona wurde er Sechster im Zehnkampf und holte 1993 bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften Bronze.

Disziplin und Ausdauer braucht Meier auch heute, in seinem neuen Job bei Witte Automotive in Velbert, einem Spezialisten für Schließ-, Verriegelungs- und Sicherheitssysteme für Pkw. Der fast zwei Meter große Mann steckt voller Ideen und leitet seit dem letzten Jahr das Digitalisierungsgeschäft.

Seine erste Herausforderung: Alle gängigen Automodelle so umrüsten, dass sie sich mit dem Smartphone öffnen lassen. „Nicht aufgeben, sich hohe Ziele setzen – das prägt“, sagt Meier mit Blick auf seine Sportlerkarriere. Das Team aus derzeit elf Mitarbeitern ist mit seiner schwarzen Box auf der Zielgeraden. Sie soll Mitte des Jahres auf den Markt kommen.

Schlüsselbox kommuniziert mit App

Die Schlüsselbox, die im Wagen ans Stromsystem angeschlossen wird, kommuniziert mit einer Handy-App. Wie von Geisterhand entriegeln sich die Türen. Dieses Konzept soll Witte eine ganz neue Kundschaft erschließen. Das sind diesmal nicht die Autokonzerne, sondern Lieferdienste, Taxiunternehmen, Autohändler und -vermieter. Alle also, die über eine Flotte mit verschiedenen Fahrzeugtypen verfügen.

„Mit der App kann man einfacher steuern, wer wann welches Auto fahren darf“, erklärt Meier. „Ob bei Mietautos, Probefahrten oder beim Schichtwechsel, die Schlüsselübergabe entfällt.“ Der Autoschlüssel steckt nämlich in einem Spezialfach der Box. Und so funktioniert’s: Man nähert sich dem Auto und gibt sich per Smartphone-App zu erkennen. Diese aktiviert den Entriegelungsknopf des Schlüssels. Die Türen gehen auf, der Fahrer steigt ein, entnimmt den Schlüssel und startet damit den Motor.

Einige Autohersteller haben zwar schon einen mobilen Zugang per Smartphone-App für ihre Carsharing-Wagen geschaffen. Doch zum Beispiel große Autovermietungen hätten Interesse an einem System, das in allen gängigen Modellen läuft. Der Einbau ist einfach und dauert nur wenige Minuten, weil die Box nicht in die Bordelektronik eingreift.

Keine Chance für Hacker

Auf Sicherheit legen Meier und sein Team großen Wert: Handy und Box kommunizieren miteinander per Bluetooth, also ohne Internetverbindung. Zudem werden die Daten verschlüsselt übertragen. Ein „guter Hacker“, so Meier, versuchte das System zu knacken – ohne Erfolg. „Was, Sie wollen den Schlüssel im Auto lassen?“ Für Versicherungen ist das ein heikles Thema. Meiers Team klärt diese Vorbehalte gerade ab. „So ein Produkt haben sie ja noch nie gesehen. Manche unserer Kunden reden sogar selbst mit ihrer Versicherung, weil sie das System unbedingt haben wollen.“

Im Labor wird die Box für den Praxiseinsatz hart rangenommen: 100.000 Mal auf und wieder zu, bei Hitze, Kälte und Feuchtigkeit. Einige Firmenwagen der Velberter sind schon mit der Box unterwegs.

„Mein Arbeitstag ist voller Überraschungen, weil wir hier etwas ganz Neues entwickeln“, so der Ingenieur. „Ich bin aber kein Nerd. Zu Hause bin ich nur Smartphone-Nutzer“, sagt der dreifache Vater.

Vom sportlichen Ehrgeiz hat sich der 45-Jährige zwar inzwischen verabschiedet. „Abends reicht mir ein Spaziergang mit dem Hund an der frischen Luft.“ Als ehrenamtlicher Präsident des deutschen Zehnkampf-Teams setzt er sich jedoch für den Nachwuchs ein: „Engagement finde ich immens wichtig, wo auch immer.“

Text: Matilda Jordanova-Duda; Fotos: Daniel Roth (2), dpa