27 Juli 2017

Vor der Schicht zum Training

Personalisiertes Fitnessangebot bei Heidelberger Druck

Vor der Schicht zum Training

Den größten Teil seiner Arbeitszeit steht Georg Bellemann. Er ist Monteur bei Heidelberger Druck. Der 57-Jährige montiert dort Zylinder in Druckmaschinen, eine wichtige und anstrengende Arbeit. Bellemann ist ein freundlich aussehender Mann mit Halbglatze, Lachfalten um die Augen und ein paar Kilos mehr. Wer wie er fast den ganzen Arbeitstag auf den Beinen ist, hat danach meist wenig Lust, ins Fitness-Studio zu gehen oder zum Joggen in den Wald. Da ist das Sofa meist verlockender.

Für Mitarbeiter wie Bellemann hat die Heidelberger Druck ihr Trainingszentrum „Wiefit“ eröffnet. Fitnessangebote wie Trainingsräume oder Gymnastikkurse gibt es zwar in vielen Unternehmen, jedoch machen dort meist nur diejenigen Mitarbeiter mit, die ohnehin sportlich sind. „Wir wollten etwas machen, das die Mitarbeiter im Werk auch tatsächlich erreicht“, sagt Personalchef Professor Rupert Felder.

Herausfinden, was die Mitarbeiter brauchen

Dafür wurde ein breit angelegtes Projekt gestartet, indem der Heidelberger Konzern Gesundheit, ergonomische Arbeitsplätze, Qualifizierung und Führung unter die Lupe genommen hat. „Hier am Standort sind die meisten Mitarbeiter zwischen 45 und 55 Jahre alt“, so Felder. Das sei eine Folge des Personalabbaus in den letzten Jahren: „Wir haben dabei überwiegend die ganz jungen und die älteren Mitarbeiter verloren.“ Geblieben sind vor allem die mittleren Altersgruppen: Mitarbeiter, die noch 10 bis 20 Jahre bis zur Rente haben.

Sie müssen noch lange fit bleiben. Schließlich sind von den 5.000 Mitarbeitern am Standort Wiesloch bei Heidelberg rund 3.500 in der Produktion, Montage oder Logistik beschäftigt – Arbeit also, die eine gewisse Fitness erfordert. Doch wie schafft man es, mit betrieblicher Gesundheitsförderung gerade diejenigen Mitarbeiter zu bewegen, die es am meisten brauchen?

Gesundheitsmanager Alexander Berger hat zunächst die Mitarbeiter der Heidelberger Druck nach ihren Beschwerden befragt. Dazu sagt er: „Die Ursachen der Beschwerden sind Fehlhaltungen, zu wenig Bewegung und einseitige Belastungen.“ Kraft- und Dehnübungen würden also helfen.

Mitarbeiter werden am neuen Zentrum auch finanziell beteiligt

Das Ergebnis sollte aber nicht einfach ein Fitness-Studio sein. „Wir wollten kein Lifestyle-Angebot machen“, sagt Felder. „Die Mitarbeiter sollen spüren, dass sie auch selbst etwas für ihre Gesundheit tun müssen.“ Auch deshalb soll jeder, der das Zentrum nutzen möchte, einen kleinen Eigenbeitrag leisten. „Es ist immer ein Geben und Nehmen“, erklärt Felder das Prinzip.

Das Wiefit, das ein externer Dienstleister betreibt, vereint Vorbeugung, Training und Therapie zu einem Konzept. Die Trainer sind ausgebildete Physiotherapeuten, die für jeden einen individuellen Plan entwickeln – auf der Basis des medizinischen Befunds. Nach gründlicher Einführung kann der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin die eigenen Übungen machen, in nur 20 Minuten. Bevor das Zirkeltraining an den neun Geräten startet, gibt es aber einen mehrwöchigen Kurs rund um das Thema Gesundheit und Bewegung.

Die ersten 300 Teilnehmer haben sich im Wiefit bereits angemeldet. Thomas Kreichgauer (57) ist einer davon und führt gerade eine Übung vor. „Heute sind die Bauch- und Rückenmuskeln dran“, erklärt er. Kreichgauer ist Disponent im Lager und zu Fuß oder mit dem Stapler zwischen den Regalen unterwegs. Seit 27 Jahren arbeitet er bei dem Druckmaschinenkonzern. „Ich habe bemerkt, dass ich einroste. Und ich will abnehmen“, so Kreichgauer. „Mit über 50 ist die Beweglichkeit ein großes Thema“, sagt Gesundheitsmanager Berger. Deshalb gibt es einen Raum mit Geräten zum Dehnen und Strecken.

Für sein Engagement hat die Heidelberger Druck die EU-Auszeichnung für „Gesunde Arbeitsplätze“ gewonnen. Das Thema Gesundheitsförderung beschäftigt viele Unternehmen. Die Ausgaben dafür sind seit dem Jahr 2000 von 700 Millionen Euro auf 935 Millionen Euro gestiegen. „Das Gießkannenprinzip ist passé“, sagt Fabian Krapf vom Institut für betriebliche Gesundheitsberatung an der Universität Konstanz. Damit meint er, dass jeder Betrieb individuelle Lösungen für seine Mitarbeiter finden sollte. Jemand im Außendienst habe möglicherweise keine Zeit für einen Fitnesskurs nach Feierabend. Und für einen Büroangestellten wäre wahrscheinlich ein anderes Fitnessprogramm passend als für eine Ingenieurin.

Trainieren wann gerade Zeit ist

Das Gesundheitskonzept im Unternehmen müsse eben auf bestimmte Mitarbeitergruppen zugeschnitten sein. Und Bewegungsangebote sollten möglichst nah am Arbeitsplatz stattfinden: „Der Trainer muss zum Mitarbeiter kommen, nicht umgekehrt.“ Das könnten spontane Aktionen in der Werkhalle sein oder Angebote in der Pause. „Ein Aushang am Schwarzen Brett bringt nichts“, so die Erfahrung von Krapf.

Auch bei der Heidelberger Druck ist das Konzept personalisiert: Die Physiotherapeuten beraten die Mitarbeiter zu den für sie optimalen Übungen und Geräteeinstellungen. Diese werden dann auf dem Werkausweis gespeichert. Beim nächsten Besuch kann man diesen dann einfach vor das Display halten. Jeder kann trainieren, wann er gerade Zeit hat. „Allerdings nicht während der Arbeitszeit“, so schränkt Personalchef Felder ein. Gesundheitsmanager Berger sieht schon vor der ersten Schicht um 5.30 Uhr Mitarbeiter beim Zirkeltraining. Nach einer erfrischenden Dusche geht’s dann runter in die Werkhalle.

Im Wiefit übt Bellemann gerade eine Rückenbeuge. Der Physiotherapeut Klaus Bittlinger leitet ihn an, sich auf Knien nach hinten gegen ein Übungsgerät zu beugen. Das soll die Beweglichkeit verbessern und erhalten. Das neue Angebot ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes findet der Monteur Bellemann toll. Nach dem Training kann er duschen und ist in wenigen Schritten am Arbeitsplatz. „In welcher Firma hat man das schon?“

Text: Sigrid Stoss; Fotos: Alessandro Balzarin