23 Oktober 2017

Karriere, Kinder, kerngesund

Dagmar Bollin-Flade führt Firma ihres Opas in die nächste Generation

Karriere, Kinder, kerngesund

Während Freunde und Bekannte schon an den Ruhestand denken, starten Dagmar Bollin-Flade und ihr Mann Bernd Flade lieber durch. Gerade 60 geworden, verlagerten sie die Christian Bollin Armaturenfabrik samt 30 Mitarbeitern aus dem Frankfurter Stadtteil Sossenheim nach Oberursel. Wir haben die Geschäftsführerin Dagmar Bollin-Flade im neuen Werk besucht.

Frau Bollin-Flade, was hat Sie zum Umziehen bewegt?

Unser alter Standort war seit Jahren eigentlich schon viel zu eng. Aber erst als unser Sohn Constantin ins Unternehmen kam, ein Maschinenbau-Ingenieur wie mein Mann und ich, starteten wir das Projekt Neubau. Jetzt sind wir noch besser aufgestellt, können effektiver und auch umweltfreundlicher produzieren. Wir setzen zum Beispiel auf eine Fotovoltaikanlage, haben vernetzt, was zu vernetzen war, und vieles mehr.

Für die Mitarbeiter war ein Umzug kein Problem?

Zwischen altem und neuem Standort liegen nur ein paar Kilometer. Also sind alle Mitarbeiter mitgekommen. Sie sind unser größtes Kapital. Wir punkten mit Beratung, Schnelligkeit, Qualität und Spitzenservice. Das gelingt nur mit einer guten und motivierten Belegschaft.

Was tun Sie für die Motivation?

Prämien oder freiwilliges Weihnachtsgeld sind das eine. Aber viel wichtiger ist der respektvolle Umgang. Jeder ist uns wichtig, und das zeigen wir, nicht nur an Geburtstagen. Hat jemand Probleme, helfen wir unkompliziert, gehen mit zu Behörden, helfen mit einem Anwalt weiter oder suchen einen Kita-Platz. Vieles ist möglich, wenn man nur will, und dann fühlen sich Menschen auch wohl und können gute Leistung bringen.

Wollten Sie immer schon Chefin werden?

Nicht Chefin, aber Ingenieurin. Im Studium habe ich dann meinen Mann kennengelernt, und wir wollten lieber in großen Unternehmen arbeiten. Wir haben beide schnell gemerkt, dass es dort zwar faszinierende Aufgaben gibt, aber wenig Unterstützung, um Karriere und Kinder zu vereinbaren. Vor allem von Frauen wird erwartet, sich klar zu entscheiden. Ich wollte aber alles.

Also griffen Sie beide zu, als Ihr Vater Ihnen die Nachfolge anbot.

Ja. Mit sehr viel Planung, Absprachen, Disziplin und Unterstützung von Eltern, Freunden und Au-pairs, sicher auch manchem Verzicht, haben wir unser Ziel erreicht und Kinder und Karriere realisiert. Mein Mann kümmert sich bis heute ums Tagesgeschäft und die Produktion, ich um alles andere, vom Personal bis zu längerfristigen Projekten. Deshalb konnte ich mir auch immer Freiräume nehmen für ehrenamtliches Engagement.

Warum war Ihnen das wichtig?

Nur wenn man mitmacht, kann man was bewegen, auch Dinge verändern. Mein erstes Ehrenamt habe ich beim Arbeitgeberverband Hessenmetall übernommen, weil ich wollte, dass auch kleinere Unternehmen in den Gremien besser repräsentiert sind.

Sie haben das Bundesverdienstkreuz, wurden Managerin des Jahres. Verstehen Sie sich als Vorbild?

Mein Mann und ich können gemeinsam Vorbild sein für eine gelebte Partnerschaft, bei der für beide Partner das Thema Vereinbarkeit von ihrem Beruf und der Familie im Mittelpunkt steht. Davon profitieren alle, sowohl die Eltern als auch die Kinder.

Fragen: Maja Becker-Mohr, Fotos: Gerd Scheffler