17 Mai 2017

Gleiche Chancen statt Sonderwege

Hans-Peter Benzinger setzt sich für Schwerbehinderte ein

Gleiche Chancen statt Sonderwege

„Das ist ein typisches Beispiel“, sagt Hans-Peter Benzinger. Er zeigt auf eine gesicherte Tür. „Wenn ich einen Laptop oder einen Aktenordner in der Hand habe, kann ich die Tür nicht so einfach öffnen, weil es keine Ablage gibt.“ Benzinger hat bei einem Autounfall seinen linken Arm verloren. Beim Ludwigsburger Autozulieferer Mann+Hummel ist der 53-Jährige nicht nur ein Beispiel dafür, dass man mit Behinderung ohne Einschränkungen arbeiten kann. Er ist auch Vertrauensmann für Mitarbeiter mit Schwerbehinderung. Seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten setzt er sich für sie ein.

Eigentlich wollte Benzinger Bäckermeister werden

Ein Beispiel: der Bau des neuen Technologiezentrums. „Ich war in die Planungen eingebunden“, berichtet Benzinger. Deshalb sind im Neubau jetzt Ablagen an den Sicherheitstüren vorhanden, und die Bodenbeläge sind auch für Rollstuhlfahrer optimal. In den Aufzügen gibt es ein Bedienfeld, das auch aus dem Rollstuhl oder von Kleinwüchsigen bedient werden kann. Wer Benzinger fragt, bekommt für das vielbenutzte und doch diffuse Wort Inklusion eine einfache Übersetzung: „Behinderte Menschen wollen keine Sonderlösungen, sondern Bedingungen, die ihnen die gleichen Möglichkeiten bieten wie Nichtbehinderten.“

Hans-Peter Benzingers ursprünglicher Lebenstraum hatte sich nach seinem Unfall 1986 zerschlagen: Der gelernte Bäcker wollte den Meister machen und nach Finnland gehen. Doch die Innung ließ ihn nicht zur Prüfung zu. Der Grund war seine Armprothese, die er sich in einer aufwendigen Operation hatte anpassen lassen. Sein Ziel war, damit weiter voll arbeiten zu können. Doch die Innung sah in der Prothese ein hygienisches Problem.

Erst dachte er an eine Umschulung im EDV-Bereich. Doch auf die hätte er lange warten müssen. Benzinger bewarb sich deshalb bei Mann+Hummel. Wenig später fing er bei dem Filter-Spezialisten als Pförtner an. „Ein klassischer Schonarbeitsplatz“, sagt er mit einem Lächeln. Aber er war froh über die Chance. In eineinhalb Jahren stieg er zum stellvertretenden Werkschutzleiter auf. Als der Werkschutz ausgegliedert wurde, wechselte er in den kaufmännischen Bereich, bis er 2014 zum freigestellten Betriebsratsmitglied wurde.

Als Arbeitnehmervertreter habe er sich beworben, um die Interessen der Kollegen mit Behinderung noch besser vertreten zu können, sagt Benzinger. Er habe aber stets beide Seiten im Blick, Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Chancengleichheit ist den Chefs wichtig

In der Chefetage von Mann+Hummel stößt er auf offene Ohren. Thomas John, Personalverantwortlicher der Unternehmensgruppe: „Inklusion ist ein wichtiger Bestandteil unserer Unternehmenskultur. Wir verstehen Chancengleichheit und Vielfalt als Bereicherung.“ Das Unternehmen beschäftigt in Ludwigsburg rund 120 Mitarbeiter mit Schwerbehinderung. Das sind mehr als 8 Prozent der Belegschaft. Gesetzlich gefordert sind 5 Prozent.

Wenn Hans-Peter Benzinger abends die Firma verlässt, macht sein Engagement noch keinen Feierabend. Der 53-Jährige ist Billardspieler auf Wettkampfniveau und in einem Verband aktiv. Im vergangenen Jahr startete er ein europaweit einmaliges Experiment: eine Mannschaft aus Sportlern mit Handicap, die gegen Teams ohne Einschränkungen antritt. Und das mit Erfolg. Seine Prothese braucht Benzinger dazu nicht: „Die liegt seit dem Ende der Bäckerzeit im Keller.“

Text: Jürgen Schmidt; Fotos: Wilhelm Mierendorf