26 Juni 2017

Endlich „richtig arbeiten“

ABC bereitet Flüchtlinge in Verbandsprojekt aufs Arbeitsleben vor

Endlich „richtig arbeiten“

Wenn Ali Asghar Hosseini von seiner Arbeit aufschaut, blickt er aus deckenhohen Werkhallenfenstern auf die bewaldeten Hügel des Niederbergisch-Märkischen Landes. Hier, beim Gevelsberger Schraubenhersteller Altenloh, Brinck & Co (ABC) im südlichsten Zipfel des Ruhrgebiets, macht der 24-jährige Afghane ein Vorpraktikum. Es soll ihn und acht weitere Flüchtlinge auf ihr erstes Praktikum und auf das Arbeitsleben in Deutschland vorbereiten: Zum Beispiel darauf, wie sie Arbeitsaufträge angehen. Aufs Feilen, Sägen und Bohren nach exakten Maßen. Aber auch darauf, zu Schichtbeginn um sechs Uhr früh pünktlich in Arbeitskleidung zu erscheinen und sich fünf Minuten vor Pausenbeginn die Hände zu waschen. Vor allem aber – das ist Norbert Rother besonders wichtig – sollen sie bei der Arbeit ausschließlich Deutsch sprechen. 

„Ich habe eine rote Karte in meiner Kitteltasche. Wenn ich nur mit der Hand daran packe, wissen sie schon Bescheid und sprechen wieder Deutsch“, sagt Rother und lacht. Eigentlich im Ruhestand, ist der 69-Jährige für ein Projekt zur berufsbezogenen Sprachförderung und Qualifizierung von Flüchtlingen in Metalltechnik für zwei Monate in seinen früheren Job zurückgekehrt. Die Altenloh, Brinck & Co hat nicht nur den Ausbilder mit jahrzehntelangen Erfahrungen eingestellt. Für das Eingliederungsprojekt des Märkischen Arbeitgeberverbandes (MAV) hat die Firma auch eigens ihre Ausbildungswerkstatt zertifizieren lassen. 

Unternehmen bieten mehr als genug Praktika an

Bettina Schwegmann, Geschäftsführerin des MAV, ist für so viel Engagement der Märkischen Arbeitgeber dankbar. Ob es Unternehmen wie ABC sind, die die Flüchtlinge im Vorpraktikum mit Themen wie Betriebssicherheit, den Grundfertigkeiten und Fachbegriffen der Metallberufe vertraut machen, oder Firmen, die den Flüchtlingen die ersten Betriebspraktika anbieten: „Die Bereitschaft, etwas zu tun, ist bei den Unternehmen weiterhin sehr, sehr groß. Bei den Betriebspraktika haben wir zum Beispiel immer ein Vielfaches von Angeboten an Praktikumsplätzen gegenüber der Zahl von Flüchtlingen, die ein Praktikum aufnehmen werden.“

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Das große Ziel des Verbandes ist es, Flüchtlinge fit für eine Berufsausbildung zu machen. Denn mit einer Ausbildung stünde ihnen eine ganz normale Beschäftigung ohne Zuschüsse oder sonstige Maßnahmen offen. Ziel der Unternehmen wiederum ist es, Nachwuchsprobleme zu lösen: „Unsere Motivation, bei diesem Projekt mitzumachen, ist zum einen das soziale Engagement“, sagt Hans-Jürgen Barth, Ausbildungsleiter bei ABC. „Aber wir haben auch Nachwuchsprobleme. An unserem Schnuppertag hatten wir zum Beispiel unter zwölf Schülern acht Gymnasiasten, einen Real- und einen Gesamtschüler. Wenn aber kaum noch ein Schüler zur Hauptschule geht, bringt uns das in Schwierigkeiten.“ Kaum ein Gymnasiast macht schließlich eine Ausbildung, noch weniger bleiben danach, um im Werk weiterzuarbeiten.

Mit den Flüchtlingen könnte das besser laufen, hofft Barth: „Aus denen können wir was machen. Wir werden jetzt erstmal einen der Projektteilnehmer für ein Praktikum und dann eventuell für eine Ausbildung übernehmen.“ Fast alle der übrigen Teilnehmer werden in anderen Betrieben ein Praktikum machen und dort ihre Erfahrungen vertiefen. Das einzige, was dem im Weg stehen könnte, sind teils offene Fragen zum Aufenthaltsstatus. „Der Kopf ist nicht frei, wenn einer nur einen Titel bis Mitte nächsten Jahres hat und ein anderer sogar einen total ungeklärten Status. So jemand kann mit seinen Gedanken gar nicht hier bei der Arbeit sein“, sagt der Ausbildungsleiter.

Bildung der Praktikanten reicht von vier Jahren Schule bis zum Abi

Die Sonne steht hoch über dem Wald und spiegelt sich auf den glatt polierten Werkbänken der Ausbildungswerkstatt. Auf ihnen stehen blau, grün und rot bemalte Lokomotiven und Wippmännchen aus Metall, kleine Mobiles mit wippender Figur. Sie sind Zeugen der Entwicklung, die die jungen Männer in den vergangenen Wochen gemacht haben. Wochen, in denen weder Hosseini und seine Mitpraktikanten noch Ausbildungsprofi Rother allzu viel Muße für das satte Grün draußen gehabt haben dürften.

Der Ruheständler sah sich einer seiner größten Herausforderungen gegenüber. „Von vier Jahren Schulbildung bis zum Abi ist alles dabei. Handwerklich habe ich mit den Flüchtlingen von Null angefangen.“ Manche hätten anfangs schon mal die Säge falsch herum gehalten. „Aber die haben sich erstaunlich gut gefangen. Heute gehen sie mit den Werkzeugen viel sorgsamer um.“

Alle auf ein Niveau zu bekommen, Eritreer wie Ghanaer, Syrer und Afghanen, erforderte anfangs vor allem Einzelbehandlung. Nicht nur durch Rother selbst: „Die, die schon gut waren, haben sich um die gekümmert, die noch nicht so weit waren. Das hat funktioniert, auch für das Gruppenverständnis.“ Anderes hat nicht immer so gut funktioniert. „Vor jeder Arbeit habe ich ihnen das Projekt genau erklärt, die Tafeln vollgemalt. Dann habe ich gefragt, ob sie alles verstanden und sich Notizen gemacht haben. ,Ja, ja‘, hieß es dann. Wieder am Arbeitsplatz wussten sie dann aber oft nicht, was zu tun ist.“

Rother hat schnell gemerkt, dass es an der Sprache lag. „Sie haben sich auch nicht getraut zu fragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben.“ Also hat er angefangen, zu malen. „In eine Spalte habe ich die Bilder der Werkzeuge gemalt, in die andere mussten sie auf Deutsch schreiben, was sie sehen.“ Nach und nach ist eine ganze Mappe daraus geworden. Die Bilder kamen jetzt aus dem Internet, die Antworten immer schneller von den Flüchtlingen. Dann die Arbeitspläne: Die mussten Rothers Schüler selbst machen. „Erst Bohren, dann das Gewinde schneiden – solche Abläufe müssen sitzen.“

Lernprozess mit Unterbrechungen durch Bürokratie

Unterbrochen wurden sie allerdings immer wieder von Terminen mit Behörden, für die sie ihre Arbeit verlassen mussten. „Die Ämter bestehen sehr auf ihre Termine“, sagt Rother. Seine Schützlinge hätten sich auch mitten in der Schicht auf den Weg machen müssen, zum Beispiel nach Hagen. Die Hinfahrt dauert allein eine Stunde, inklusive Wartezeit und Rückreise gingen für einen Termin ganze vier Stunden drauf. „Das, was ich meinen übrigen Schülern in der Zeit beigebracht hatte, musste ich dann am nächsten Tag mit denen, die wegen Behördengängen gefehlt haben, nachholen.“

Und trotzdem: „Wir haben viel gelernt“, sagt Hosseini, als er die Feile zurück auf seine Werkbank legt. „Sofort zu arbeiten, war schwierig. Wir mussten alles erst lernen: feilen, sägen, bohren.“ Eigentlich möchte er in Deutschland im Elektrobereich arbeiten. „Aber auch das Arbeiten mit Metall gefällt mir sehr gut.“

Auch sein Kollege Mohammad Al Issa aus Syrien fühlt sich gut vorbereitet: „Ich habe gelernt, wie ich richtig und ganz genau mit Metall arbeite. Und ich weiß jetzt, wie Arbeiten in einer Fabrik in Deutschland ist, wie man mit seinen Kollegen arbeitet und mit dem Chef reden kann“, sagt der 29-Jährige. Aboubakar Fofana, 21 Jahre alt und aus Guinea, sagt, dass sie anfangs viel Respekt vor ihrem Chef hatten: „Wir dachten, Herr Rother ist sehr streng. Aber er ist nett, und wir sind sehr zufrieden.“

Die erste Prüfung steht bevor

Alle drei können sich noch gut an den Tag erinnern, als sie nicht wie sonst im Ausbildungszentrum, sondern im Betrieb mitgearbeitet haben. „Wir mussten die Schrauben pressen. Hier können wir neben dem Feilen und allem auch noch Spaß machen, aber da war richtig arbeiten. Ich möchte unbedingt eine Ausbildung haben hier in Deutschland, um richtig zu arbeiten“, sagt Al Issa. In Syrien hat er Kfz-Mechaniker gelernt. „Aber hier ist mehr Technik, mehr Arbeit mit Computern. Ich möchte hier gerne weiterlernen. Das ist mein Weg.“

In der Schweißabteilung liegen die Schweißermasken bereit. Weiterlernen steht an. Rother hat seine Schüler zur Prüfung für Fachkräfte der Metalltechnik angemeldet. Viel Zeit zur Vorbereitung oder gar zum Spaßen bleibt nicht mehr, denn bis dahin muss das Zeichunung lesen und Metall-Aktivgas-Schweißen sitzen. Freude macht es den jungen Männern trotzdem: „Ein bisschen rechnen, gucken, ein bisschen intelligent sein: Das macht mir Spaß“, sagt Fofana. Dann setzt er die Maske wieder auf und bearbeitet das Übungsstück mit einem grellweißen Schweißstrahl.

Text: Wiebke Bomas; Fotos: Dennis Straßmeier