06 Juli 2017

Einer, der bleibt

Jungingenieur trotzt Landflucht und findet sichere Perspektive

Einer, der bleibt

Viele Berge, viele Wälder, wenig Jobs, langsames Internet: Der Harz gilt als strukturschwache Gegend. Deshalb rechnete Jan-Patrick Viebrans damit, seine Heimat Osterode verlassen zu müssen, als er 2008 die Schule abschloss. Er hatte den Eindruck, dass es in der Stadt am Rand des Harzes damals kaum berufliche Perspektiven für junge Leute gab. „Viele meiner Freunde sind in die Großstädte gezogen“, sagt der heute 27-Jährige. Er jedoch entschied sich, zu bleiben.

Viebrans bewarb sich auf eine Zeitungsannonce als Azubi bei Piller, einem Hersteller von Stromversorgungsanlagen. Er bekam die Lehrstelle. Der Ausbildung schloss er ein Studium der Elektrotechnik an. Heute, neun Jahre später, ist der sympathische junge Mann wieder bei Piller beschäftigt. Er fuchst sich als Trainee in die verschiedenen Produkte der Firma ein. Viebrans will langfristig im Vertrieb arbeiten. „Da habe ich viel mit Technik zu tun, aber auch engen Kundenkontakt“, sagt der Ingenieur. „Das gefällt mir.“ Seine Aussichten sind gut: Die Unternehmensleitung plant, vor allem im Vertrieb neue Jobs zu schaffen und Viebrans‘ Übernahme nach dem Traineeship ist ohnehin schon garantiert.

Dass es eine solch positive Zukunftsperspektive auf dem Land überhaupt gibt, ist ungewöhnlich. Viebrans verdankt sie – neben seinen Leistungen in der Ausbildung – auch der guten Konjunktur und der positiven Entwicklung im Unternehmen.

Ständig 40 Auszubildende im Betrieb, neue Stellen ausgeschrieben

Bei Viebrans Arbeitgeber Piller geht es seit der Übernahme durch den britischen Konzern Langley Holdings im Jahr 2005 aufwärts. Das Maschinenbau-Unternehmen fertigt Technik für unterbrechungsfreie Stromversorgung und Frequenzumformung. Zu den Kunden zählen Banken, Versicherungen, Rechenzentren, Rundfunksender, Telekommunikationsfirmen, Flughäfen, die Flugsicherung und Krankenhäuser.

„Am Anfang dachte ich noch, die anhaltend gute Geschäftslage sei Glück“, erinnert sich Geschäftsführer Detlev Seidel. Aber es sei das richtige Produkt zur richtigen Zeit gewesen, das die Firma wieder in Schwung brachte. Ende der 90er-Jahre hatten Ingenieure von Piller eine neue Technik entwickelt, die bei einem Stromausfall eine unterbrechungsfreie Versorgung gewährleistet. So lange Strom fließt, dreht sich dabei ein Schwungrad aus Metall mit. Fällt der Strom aus, wird das Rad zwar langsamer, erzeugt aber durch seine Drehung noch für kurze Zeit Strom.

„Damit kann man genau die wenigen Sekunden überbrücken, die nötig sind, um einen großen Dieselmotor als Notstrom-Generator zu starten“, erklärt Seidel. So eine unterbrechungsfreie Stromversorgung ist wichtig für Krankenhäuser und Flughäfen sowie für Rechenzentren, Telekommunikations- und Industriefirmen. Der Firma Piller beschert das Wachstum. „Über Entlassungen reden wir seit Jahren nicht mehr“, sagt Seidel. Stattdessen werden Jobs geschaffen, vor allem in Vertrieb und Entwicklung. 650 Mitarbeiter zählt Piller in Osterode. Fünf Stellen sind ausgeschrieben und weitere Mitarbeiter nötig, weil künftige Pensionäre Nachfolger brauchen, die Produktpalette wächst und das Geschäft im Ausland expandiert. Stets gibt es 40 Auszubildende in der Firma, sagt Seidel. „Die beste Erfahrung haben wir mit Mitarbeitern gemacht, die das Handwerk bei uns gelernt haben.“

Garantierte Übernahme und Mitfinanzierung des Studiums

Also mit Leuten wie dem Trainee Viebrans. Er wurde erst zum Elektroniker für Geräte und Systeme ausgebildet, begann dann sein Elektrotechnik-Studium in Hannover und jobbte in den Semesterferien weiterhin bei Piller. „Elektrotechnik hat mir schon in der Schule Spaß gemacht“, erinnert er sich. „Damit will ich mich auch für den Rest meines Berufslebens beschäftigen.“

Junge Nachwuchskräfte wie ihn versucht das Unternehmen zu gewinnen, indem es eng mit den Schulen kooperiert. Seit 2007 finanziert es begabten Auszubildenden das Studium mit. Anders als bei anderen Firmen geht Viebrans Trainee-Vertrag automatisch in eine Festanstellung über. Viebrans wie Seidel sehen den Harz im Aufwärts-Trend. „Es gibt mehrere Unternehmen, die wieder wachsen“, sagt Seidel. Das läge auch an der relativ guten, zentralen Lage des Harzes. Immer mehr Betriebe würden ihre Azubis übernehmen und neue, unbefristete Stellen schaffen. Und eine gute wirtschaftliche Entwicklung zieht auch wieder junge Leute aufs Land. „Einige meiner Bekannten, die auf der Suche nach einem Job in ganz Deutschland unterwegs waren, kommen jetzt zurück in ihre Heimat“, sagt Viebrans.

Text: Isabel Christian; Fotos: Schaarschmidt