03 August 2017

Eine Frau startet durch

Astrid Niedermeier etabliert sich dank Förderprogramm als Projektleiterin

Eine Frau startet durch

Fünfzehn Jahre lang hat Astrid Niedermeier ihre drei Kinder großgezogen. Sie hat Windeln gewechselt, Wunden verarztet, nach den Hausaufgaben gesehen. Als die studierte Chemikerin dann wieder in das Berufsleben einsteigen wollte, suchte sie in ihrem Fachgebiet vergeblich nach einem Job. Sie nahm eine Stelle als Assistentin in einem schweizerischen Verlag an. „Das hatte mit Chemie gar nichts zu tun“, sagt sie. „Aber ich konnte arbeiten.“

Niedermeier steht exemplarisch für viele Frauen, die nach einer längeren Pause große Probleme haben, eine Stelle zu finden, die ihren Qualifikationen entspricht. Eine Erhebung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt zum Beispiel, dass 56 Prozent der Frauen mit Kindern unter 18 Jahren eigentlich gerne berufstätig wären, es aber nicht sind. Das läge unter anderem an externen Faktoren, heißt es in einem weiteren Ministeriumspapier zu dem Thema. Außerdem würden Frauen, wenn sie wieder einstiegen, tendenziell eher keine Führungsposition anstreben, da sie sich das häufig nicht zutrauten.

Das Förderprojekt inspirierte Niedermeier

So ähnlich ging es Niedermeier. Nachdem sie eine Weile als Assistentin gearbeitet hatte, zog sie in ihre Heimat, die Oberpfalz zurück – auch, um auf ein gewachsenes Netzwerk aus Familie, Freunde und Bekannte zurückzugreifen, die ihr bei ihrem Wiedereinstieg in den Beruf zur Seite standen, etwa, um die Kinder zu betreuen.

In Regensburg startete sie dann bei der Maschinenfabrik Reinhausen. Dort witterte ihr neuer Chef bei ihr Potenzial und meldete sie für das Projekt „Frauen in Führungspositionen“ an. Das Projekt ist eine Weiterbildungsmaßnahme der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme und vbm für ihre Mitgliedsunternehmen. Dort erarbeiten die Teilnehmerinnen unter anderem Strategien zur Übernahme von Selbstverantwortung und trainieren Soft Skills.

Niedermeier war zunächst skeptisch. „Ich hatte Vorbehalte, einen Kurs nur für Frauen zu besuchen“, sagt sie und schmunzelt. Es habe sich allerdings herausgestellt, dass die rein weibliche Besetzung Vorteile hat. Die Probleme und Sichtweisen der Teilnehmerinnen seien bei vielen Themen ähnlich gewesen. „Wir haben schnell Vertrauen gefasst und uns sehr offen ausgetauscht.“

Beruflich hat sie das Programm enorm weitergebracht. „Es hat mich inspiriert zu überlegen, wo ich noch hinwill“, sagt Niedermeier. Schon während der ersten Zusammenkünfte kam die Chemikerin ins Grübeln: „Bin ich beruflich da, wo ich sein möchte?“, fragte sie sich. Und antwortete entschieden mit Nein. Also fing sie an, sich aktiv im Unternehmen nach Aufgaben umzuschauen, die stärker ihren Neigungen entsprechen. „Durch das Weiterbildungsprojekt war ich ermutigt, diesen Schritt zu wagen“, sagt sie.

Das Projekt verfolgt einen unternehmensorientierten Ansatz. Es bezieht die Geschäftsführung und die direkten Führungskräfte der involvierten Frauen mit ein. Außerdem steht ihnen ein Mentor aus dem eigenen Betrieb zur Seite. Das Programm dauert etwa zwei Jahre. Seit dem Start der ersten Staffel im Jahr 2010 haben rund 160 Frauen erfolgreich das Programm absolviert, 52 durchlaufen derzeit die vierte Staffel. Niedermeiers Arbeitgeber, die Maschinenfabrik Reinhausen, hat sich bereits frühzeitig beteiligt.

Mit ihrem Mentor tauscht sich Niedermeier noch regelmäßig aus. „Das Netzwerk, das man aufbaut, bestärkt einen, den eigenen Weg zu verfolgen.“ Ihr zweijähriges Fortbildungsprojekt hat sie längst abgeschlossen: „Es hat sich gelohnt, weil ich den Impuls bekommen habe, selbst etwas für meinen Berufsweg zu tun.“

Einstellungsquoten nützen nichts, wenn der weibliche Nachwuchs fehlt

Die Notwendigkeit für Frauenförderprogramme liegt auf der Hand, sagt Nicolas Maier-Scheubeck, Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen GmbH. Frauen haben nicht nur Probleme beim unternehmensinternen Aufstieg, es gibt auch insgesamt zu wenig Frauen mit den entsprechenden Qualifikationen. In technischen Studienfächern, die für das Unternehmen relevant sind, liegt der Anteil der Absolventinnen bei höchstens 14 Prozent. Bei der Maschinenfabrik Reinhausen GmbH sind 16 Prozent aller Angestellten Frauen. Darin sind die klassisch weiblichen Jobs in der Verwaltung allerdings eingerechnet. Einstellungsquoten nützen hier nichts: Der weibliche Nachwuchs fehlt einfach.

Maier-Scheubeck ist daher von dem Weg überzeugt, Frauen Chancen aufzuzeigen: „Jenseits qualitätsferner Quoten orientiert sich das Projekt an der persönlichen und betrieblichen Situation und leistet konkrete Hilfestellung zur Entwicklung von Karriereperspektiven sowie zum Wandel der Unternehmenskultur.“ Er hofft, seine Branche durch solche Programme auch für Berufseinsteigerinnen attraktiv zu machen. Frauen müssten einen Platz für sich sehen, um hier eine Karriere anzustreben.

Ihren Platz fand Niedermeier bei einer Tochter ihres Arbeitgebers, der Reinhausen Power Composites GmbH. Diese stellt sogenannte Verbundhohlisolatoren für Energieversorger her, also Isolatoren für Hochspannungsanlagen. Niedermeier leitet dort verschiedene Projekte. „Meine Kernkompetenz ist Multiprojektmanagement, also unterschiedliche Dinge im Auge zu behalten und zu verknüpfen.“ Sie beschäftigt sich zum Beispiel damit, wie Herstellungsprozesse verändert werden können. Sie arbeitet auch an der Weiterentwicklung der Unternehmensorganisation. „Es geht um die Kultur der Zusammenarbeit, darum, wie zufrieden die Mitarbeiter sind“, sagt sie.

„Es lohnt sich zu träumen“, resümiert die heute 53-Jährige. „Man sollte überlegen, wo man hinmöchte, auch als Wiedereinsteiger. Man muss nur den Mut fassen und den ersten Schritt wagen.“

Text: Alix Maria Sauer; Fotos: Maschinenfabrik Reinhausen GmbH