23 März 2017

Ein gutes Gefühl

Elmar Claßen verschiebt die Rente aus Spaß am Ausbilden

Ein gutes Gefühl

Er könnte es sich zu Hause gemütlich machen. Mit dem Nachbarn an der Eisenbahnanlage basteln, mit seiner Frau wandern oder mit den Enkeln was unternehmen. Stattdessen fährt Elmar Claßen mit 68 Jahren jeden Tag zur Firma Sudhaus in Iserlohn.

Claßen ist hier Ausbildungsleiter. In der Lehrwerkstatt erklärt er den Azubis, welche Schläuche laut Pneumatik-Schaltplan verbunden werden müssen. Zeigt, worauf es beim CNC-Drehen ankommt. Oder wie man es schafft, auf den hundertstel Millimeter genau zu fräsen. „Es macht mir Spaß, mit den jungen Menschen zu arbeiten und ihnen etwas beizubringen“, sagt er: „Ich habe hier alle Möglichkeiten, der Chef lässt mir viel Freiraum.“

Ans Aufhören denkt er nicht: „Solange die Gesundheit mitmacht, bin ich dabei. Es ist doch schön, wenn man zur Arbeit fährt und sich freut.“ Geschäftsführer Michael Hartmann hat nichts dagegen. Er schätzt die Erfahrung des „Sudhaus-Urgesteins“ sehr hoch ein: „Wir werden eine große Lücke zu füllen haben, wenn Herr Claßen pensioniert wird, was hoffentlich noch lange dauern wird.“

Die Azubis sollen stolz auf ihre Arbeit sein

Gute Mitarbeiter heranziehen ist vor dem Hintergrund des demografischen Wandels für Unternehmen wie Sudhaus wichtig. Der gelernte Werkzeugmacher Claßen, der über 50 Jahre Berufserfahrung hat, betreut seit 28 Jahren die Azubis im Betrieb; im Schnitt sind es 15 junge Leute. Schlösser und Beschläge sowie Teile für die Auto-Industrie stellt das Unternehmen her. Hightech-Schlösser mit einem komplexen Innenleben sind eine Spezialität. Das erfordert viel Fachwissen.

Als 14-Jähriger hat Elmar Claßen 1963 seine Lehre bei Sudhaus angetreten. Sein Vater war Schlosser, zu Hause haben Vater und Sohn ein bisschen gewerkelt. Und so stand fest: „Du wirst auch Schlosser.“ Dass er von morgens bis abends – oft tage-, wochen- oder monatelang – feilen musste, hatte er sich nicht vorgestellt. „Oft bin ich mit Blasen an den Fingern und heulend nach Hause gekommen“, erinnert er sich. Praktikum, Probearbeiten, Reinschnuppern in den Beruf? Fehlanzeige! Doch Claßen hielt durch, wurde Werkzeugmacher – und schließlich Ausbildungsleiter. Seine quälenden Erfahrungen als Lehrling hat er nachfolgenden Generationen erspart. „Das Schlimmste war, dass wir die Teile für die Schrottkiste gemacht haben“, erinnert er sich. „Heute arbeiten wir an Projekten, die Spaß machen, die jeder mit nach Hause nehmen kann.“ Kleine Druckluftmotoren, Eisenbahnen oder Lkws – „Dinge, die mit Stolz vorzeigbar sind“.

Mehrere Landesbeste, ein Bundessieger – aber nicht alle sind Überflieger

Längst wird auch nicht mehr gefeilt, bis die Blasen kommen. Messtechnik, Anreißen, Bohren, Fräsen, Schleifen, Drehen – das sind die Grundfertigkeiten. „Im August fangen die Azubis an. Im Dezember können sie alle Maschinen bedienen. Das ist nicht überall so“, erklärt Claßen die Abläufe. Ab dem zweiten Lehrjahr geht es in den Werkzeugbau. Wichtig sei, dass die Jugend intensiv auf die Prüfungen vorbereitet werde. Im Kunststoff- und Elektrobereich sind die Fachmeister dabei. Für zusätzlichen Unterricht holt Claßen sich auch schon mal Unterstützung von außen: „Ich bin schließlich kein Lehrer für Mathe und Physik.“ Alle Azubis, die er betreut hat, hätten bestanden. Mehrere Landesbeste und ein Bundessieger waren darunter.

Aber nicht alle Azubis sind Überflieger. Das Verständnis für technische Zusammenhänge habe nachgelassen, mitunter hapert es auch in Mathe und Deutsch. Was Claßen noch mehr stört, ist, dass die jungen Leute „oft einfachste Anstandsregeln nicht kennen“: „Manchmal bin ich wohl der erste, der ihnen sagt ,So nicht!‘. Da bin ich noch von der alten Schule.“ Selbstverständlich ist für ihn zum Beispiel, dass man in der Werkstatt nicht hemmungslos sein Handy nutzt oder die Maschine sauber hinterlässt. Da treffen Welten aufeinander. Die meisten würden es irgendwann begreifen, meint Claßen; einfach ist es nicht.

Er bedauert, dass viele Jugendliche die Chancen zur Information nicht nutzen und sich selbst überschätzen. „Weil die Deutschkenntnisse doch mitunter schlecht sind, habe ich ihnen einen Duden hingestellt. Aber so mancher weiß nicht mal, wie man damit umgeht“, sagt er. „Sicheres Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit“, stellt er oft bei Bewerbern fest: „Da wird auch schon mal deutlich geschummelt. Das Foto wird im Fußballtrikot gemacht. Oder sie wissen nichts über das Unternehmen.“ Angebote wie Girls‘ Day oder die Ausbildungsbörsen, bei denen man schon vorab etwas über den Betrieb und die Ausbildung erfahren könne, würden kaum etwas bringen.

Wenn die jungen Leute dann aber bei ihm sind und er sieht, dass sie irgendwann all das umsetzen können, was er ihnen beigebracht hat – dann sei das ein gutes Gefühl. „Sie merken oft vor der Prüfung im Vergleich mit den anderen, was sie an Sudhaus haben“, hat Claßen erfahren. Seine Azubis bestätigen das, bei allem Grummeln über die „altmodischen Ansichten“. „Er kann alles sehr gut erklären, kann alles vormachen“, meint Luis Hagelstein.

Davon profitieren auch die Jugendlichen aus den vier Partnerschulen des Unternehmens, die im Praktikum unter anderem Solarhubschrauber oder Flaschenöffner konstruieren. Manchen Azubi hat Claßen da schon rekrutiert – auch das ist ein Erfolgserlebnis, das zum Weitermachen motiviert. Und wenn ihm dann Jahre später einer der ehemaligen Lehrlinge, mittlerweile erfolgreicher Ingenieur, im Baumarkt über den Weg läuft und ihn freudestrahlend begrüßt – dann kann nicht alles falsch gewesen sein.

Text: Hildegard Goor-Schotten; Fotos: Daniel Roth