20 April 2017

Ein Badener im Elsass

Wie ein Logistik-Azubi die französische Arbeitswelt erlebt

Ein Badener im Elsass

Zwischen Offenburg und dem 5.500 Einwohner zählenden Wasselonne im Elsass liegen gerade einmal 55 Kilometer. Doch für Azubi Mert Kürekci ist der Auslandsaufenthalt so etwas wie ein Ausflug in eine neue Welt: „Frankreich tickt ein bisschen anders als wir“, sagt der angehende Lagerlogistiker.

Einen Monat lang hat Kürekci im französischen Werk von Hansgrohe mitgearbeitet. Der Auslandsaufenthalt ist Teil seiner Ausbildung beim Armaturen- und Brausenhersteller am Standort Offenburg. „Internationalität ist für uns ein großes Thema“, erklärt Ausbildungsleiterin Clarissa Lehmann. „Unsere Kunden und Lieferanten kommen aus der ganzen Welt.“

In 143 Länder liefert der Konzern mit Sitz im baden-württembergischen Städtchen Schiltach seine Brausen und Wasserhähne. Auch das Thema Offenheit für andere Kulturen gehört deshalb zur Ausbildung. Und was ist in Frankreich nun anders? „Zum Beispiel die Arbeitszeiten. Die Kollegen starten später in den Tag und machen dafür abends länger“, sagt Kürekci. In Frankreich sei der Umgang unter Kollegen ungezwungener. Und man sei sofort per Du. Auch beim Arbeiten selbst hat er Unterschiede beobachtet. „Manche Prozesse laufen ganz anders als bei uns“, sagt der 20-Jährige.

Auslandsaufenthalte bringen Know-how in die Hansgrohe-Töchter

Die Lagerlogistik-Azubis von Hansgrohe dürfen seit rund fünf Jahren einmal während ihrer Ausbildung für vier Wochen nach Frankreich. Kürekci jedenfalls hat von seiner Zeit vor Ort ein viel größeres Verständnis für die andere Mentalität und bestimmte Abläufe mitgenommen. Andere Nachwuchstalente, zum Beispiel die Industriekaufleute mit Zusatzqualifikation, dürfen sich wahlweise auch in einer anderen europäischen Niederlassung umsehen. „Das gibt gerade beim Sprachenlernen einen riesigen Motivationsschub“, sagt Lehmann. Überhaupt seien die Auslandsaufenthalte ein „guter Schritt in die Selbstständigkeit“ für die jungen Leute. 

Das kann Mert Kürekci bestätigen. „Zu Hause stellt mir meine Mutter das Essen hin, wenn ich von der Arbeit komme. Dort musste ich selbst sehen, dass abends etwas im Kühlschrank ist“, sagt er grinsend. Um die Unterkunft musste er sich aber nicht kümmern. Die stellt die Firma.

Mit ihrem Engagement verfolgt die mehr als 4.000 Mitarbeiter große Unternehmensgruppe neben der kulturellen Offenheit noch ein anderes Ziel: Die Auslandsaufenthalte sollen beim Nachwuchs die Lust darauf wecken, nach Abschluss der Ausbildung in einem anderen Land zu arbeiten. Zumindest für einige Zeit. „Das ist eine wunderbare Möglichkeit, unser Know-how von Deutschland in unsere Tochtergesellschaften zu transferieren“, erklärt die Ausbildungsleiterin.

Auch Franzosen sind offen für andere Sprachen

So ist ein Fachinformatiker aus Baden heute IT-Leiter am US-Standort Atlanta. Im Ausland zu arbeiten, etwa in Frankreich, kann sich auch Kürekci seit seiner Zeit in Wasselonne vorstellen. Vorerst bleibt er aber in Offenburg. Nach dem Abschluss im Sommer wird er nämlich in der Produktionslogistik arbeiten. Die Jobzusage hat er schon. Vor einem Wechsel ins Nachbarland braucht er ohnehin noch Zeit, um seine Sprachkenntnisse aufzubessern. „Für die Alltagsverständigung reicht mein Realschul-Französisch gerade so“, sagt der Azubi. „Aber sobald es ins Fachliche geht, bin ich stark gefordert und benötige Übersetzungshilfen.“

Gut für ihn, dass auch die Kollegen in Wasselonne sich um andere Sprachen kümmern: „Zum Glück konnten einige Kollegen sehr gut Deutsch.“

Autor: Jürgen Schmidt; Fotos: Roland Sigwart