21 September 2017

Draht zur Technik

Zwei Ingenieurinnen gehen ihren Weg in Männerberufen

Draht zur Technik

„Eine Frau kann doch keine elektrischen Leitungen verlegen, dazu ist sie nicht kräftig genug.“ Vorurteile wie diese verhinderten anfangs, dass Lena Niederstuke eine Lehrstelle bekam. „Es war schon abenteuerlich, weshalb meine Bewerbungen abgelehnt wurden“, sagt die heute 32-Jährige. Offiziell nannte man ihr freilich andere Argumente, die wahren Gründe erfuhr sie oft erst über Bekannte.

Aber Niederstuke, damals 17 Jahre alt, ließ sich nicht entmutigen. Sie wollte unbedingt Elektrikerin werden. Und ihre Hartnäckigkeit wurde belohnt. Heute reist sie für das Unternehmen Wagner aus dem niedersächsischen Langenhagen um die Welt, überwacht als Technische Leiterin die Installation von Brandschutzanlagen in Neubauten und setzt mit ihrem Team neue Techniken um.

Unternehmen wünschen sich heute mehr Frauen

Frauen in klassischen Männerdomänen sind heute oft noch in der Minderheit. Doch das soll sich ändern. Massiv werben Hochschulen, Unternehmen und Politik seit einigen Jahren bei Mädchen um Interesse für Naturwissenschaften und Technik. Denn durch die niedrige Geburtenzahl in Deutschland sinkt auch die Zahl potenzieller Fachkräfte. Viele Unternehmen wünschen sich heute deshalb mehr Frauen in technischen Berufen. Und manchmal sind sie sogar die bessere Wahl, weil sie meist sehr kompetent sein müssen, um sich in der Männerwelt durchzusetzen.

Niederstuke bekam schließlich durch einen Freund die Chance, zu zeigen, was sie kann. „Sein Chef wollte meine Unterlagen schon beiseitelegen, da riet mein Bekannter ihm, mich doch wenigstens mal einzuladen“, erzählt sie. Sie durfte mit mehreren Männern zwei Wochen zur Probe arbeiten – zum Schluss bekam sie den Ausbildungsplatz.

Interesse für Technik hatte sie schon als Kind. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe meinem Vater geholfen, Landmaschinen zu reparieren“, sagt sie. „Klick gemacht“ habe es aber erst, als sie eines Tages mit ihrem Vater Lampen anbrachte. Die Käbelchen, Schalter, dann das Licht, „das hat mich total fasziniert“. Von da an wollte Niederstuke Elektrikerin werden. Sie machte eine Ausbildung zur Fernmeldeanlagen-Elektronikerin, studierte dann Informations- und Kommunikationstechnik und verließ die Uni als einzige Frau ihres Jahrgangs mit Abschluss.

In vielen Gremien einziges weibliches Mitglied

Auch ihre Kollegin Florence Daniault musste Widerstände überwinden. Mit ihrem Berufswunsch Ingenieurin stieß sie auf wenig Verständnis. „Viele haben mir geraten, ich solle Lehrerin werden“, sagt die 57-jährige gebürtige Französin. „Aber ich hatte keinen Draht zu Kindern, dafür zur Technik.“

Daniault ließ sich nicht beirren, studierte erst in Frankreich, dann in Hannover, machte ihr Diplom dort am Institut für Regelungstechnik und kam dann über das Arbeitsamt zu Wagner. „Ich bin jetzt 35 Jahre dabei und habe erlebt, wie das Unternehmen gewachsen ist. Das war eine spannende Erfahrung.“

Heute analysiert Daniault bei Wagner den Markt, legt Anforderungen an die Brandschutztechnik fest, sorgt für die Patentierung von Neuentwicklungen. „Der Job ist quasi für mich entwickelt worden.“ Darüber hinaus arbeitet sie beim Erstellen von Richtlinien im Brandschutz mit.

Mittlerweile erleben beide Frauen im Beruf kaum noch Benachteiligung. „Ich fühle mich nicht wie ein Exot, obwohl ich in vielen Gremien die einzige Frau bin“, sagt Daniault und fügt selbstbewusst hinzu: „Meine Kompetenz zweifelt niemand mehr an.“

Text: Isabel Christian, Fotos: Chris Gossmann