10 August 2017

„Die Chance meines Lebens“

Cemal Babacan schafft Neustart in neuem Beruf

„Die Chance meines Lebens“

Ein langes Stück Blech läuft durch die Bandrichtanlage zu einer Stanz- und Umformmaschine, an der Cemal Babacan steht. Er schaut aufs Display und drückt einen Knopf. Dann stanzt sie kraftvoll ein Loch und eine Auswölbung hinein. Babacan grinst. „Es reizt mich einfach, aus einem Stück Blech ein wichtiges Hightech-Teil für Autos zu machen“, sagt er. „Das ist so faszinierend.“

Der 28-Jährige ist eigentlich gelernter Maler und Lackierer. Dass er jetzt seine Zukunft mit den Stanzmaschinen plant, ist eine Mischung aus Zufall und glücklicher Fügung. Sie führte ihn zu einem Beruf, den es gerade erst gibt: den Stanz- und Umformmechaniker.

Seine erste Ausbildung hat Babacan nach der Schule gemacht, ohne groß darüber nachzudenken. Richtig Fuß gefasst hat er als Maler und Lackierer nie. „Ich hatte keine guten Perspektiven“, sagt er rückblickend.

Mathe pauken für Stanz- und Umformmechaniker-Abschluss

Er fing dann vor sieben Jahren als Zeitarbeiter im Progress-Werk Oberkich (PWO) im Schwarzwald an. Das Unternehmen produziert Motorengehäuse und andere Hightech-Metallteile. Außerdem stellen sie Leichtbaukomponenten für Sicherheit und Komfort im Auto her. Babacan bediente Maschinen des international tätigen Automobil-Zulieferers und fühlte sich sofort wohl. Er sagt, dass er den Geruch von Metall und das Steuern von Hightech-Maschinen liebt. Babacan wurde als ungelernter Maschinenbauer übernommen. Und vor kurzem fragte ihn sein Chef, ob er Lust habe, an einer Weiterbildungsmöglichkeit teilzunehmen. Ihm war sofort klar: „Das ist die Chance meines Lebens!“

Seitdem paukt Babacan mit 13 Kollegen gemeinsam Mathe. Er weiß: Die Formeln muss er lernen, damit er in seinem Traumberuf arbeiten kann. Dass er mit 28 noch mal die Schulbank drückt, wird ihm viele Wege öffnen. Die Ausbildung findet direkt in seinem Betrieb statt und richtet sich an angelernte und ungelernte Werksmitarbeiter. Sie ist ein Pilotprojekt, das der gewerblich-technische Ausbildungsleiter Ulrich Schindler in die Wege leitete.

Lehrbücher gibt es noch nicht

Babacan und seine Kollegen werden Stanz- und Umformmechaniker. Das ist eine neue Ausbildung, die es erst seit kurzem gibt. Dieses Jahr wird es die ersten Absolventen in dem Beruf geben. Schindler hörte 2013 davon, dass in Dortmund Stanz- und Umformmechaniker ausgebildet werden. Die Absolventen sollen an der Motorengehäuseherstellung mitwirken sowie Maschinen und Werkzeuge rüsten und zur Serienfertigung vorbereiten. Außerdem werden sie Arbeitsschritte planen und Geschwindigkeiten und Verformungen festlegen. Die Bestückung von Maschinen und die Überwachung von Herstellungsprozessen gehören auch zu den Tätigkeiten.

Schindler dachte: „So eine Ausbildung brauchen wir unbedingt auch!“ Das Berufsbild passe einfach perfekt auf das Anforderungsprofil von PWO, und das in vielen Bereichen. Schindler tat sich mit den Beruflichen Schulen Kehl zusammen und erreichte, dass eine Fachklasse speziell für angehende Stanz- und Umformmechaniker eingerichtet wurde. Die lernt zunächst ohne Lehrbücher, denn die gibt es noch gar nicht.

Gute Aufstiegschancen für Stanz- und Umformmechaniker

Mit dem Know-how aus der Ausbildung kann man bei PWO bis zum Maschinengruppenleiter oder Produktionsverantwortlichen aufsteigen. Das Unternehmen beschäftigt am Stammsitz rund 1.500 Mitarbeiter, weltweit sind es 3.300.

Seit 2014 haben dort 25 Lehrlinge die neue Ausbildung begonnen. 14 von ihnen lernen in Form der modularen Teil- und Nachqualifizierung. Die Projektleiterin und stellvertretende Personalleiterin Elisabeth Spraul betont die Vorteile dieser Art der Weiterbildung. „Die Anforderungen an die Produktion werden immer komplexer“, sagt sie. „Dafür wollen wir unsere an- und ungelernten Mitarbeiter und auch Zeitarbeiter fit machen und mitnehmen.“ Und da PWO auch die Theorieteile selbst vermitteln kann, findet der Unterricht im eigenen Haus statt. Zudem gibt es schon nach jedem abgeschlossenen Modul ein eigenes Zertifikat, das die Berufschancen verbessert. Babacan ist im zweiten Modul. „Ich bin neugierig auf alles, was noch kommt“, sagt er.

Text: Barbara Auer; Fotos: Wilhelm Mierendorf