21 März 2017

Der Mann fürs Makellose

Ein gehörloser Schlosser macht Schweißnähte unsichtbar

Der Mann fürs Makellose

So konzentriert sind sonst vielleicht nur Fluglotsen. Oder Formel-1-Fahrer am Start. So konzentriert wie Alexander Klima, wenn er ein Schweiß- oder Schleifgerät in der Hand hat. Dann sieht es aus, als habe sein Arm eine natürliche Verlängerung. Die ganze Bewegung ist wie aus einem Guss.

Er wolle eben immer „zur vollen Zufriedenheit der Kunden und seines Arbeitgebers Ergebnisse abliefern“, sagt der 53-Jährige. Doch wer ihn beobachtet, sieht, dass es neben dem Leistungswillen sein besonderes Talent ist, das ihn zum Mann für die Aufgaben macht, wo eigentlich nichts mehr geht.

Wenn Schweißnähte zwischen großen Metallplatten unsichtbar werden müssen oder Schleifarbeiten so heikel sind wie die Diamantbearbeitung beim Juwelier, ist das beim Kölner Spezialfassadenhersteller Pohl ein Fall für Alexander Klima.

Zentimeterweise Oberflächenperfektionierung fürs One World Trade Center

Der gelernte Blechschlosser ist gehörlos. Und er besitzt eine besondere Konzentrationsfähigkeit, die er ganz auf das optische Ergebnis richtet. Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, mag er nicht beurteilen. Klar ist aber, dass sein Beruf Blechschlosser viel zu grobschlächtig klingt für das, was der im tschechischen Marienbad geborene Klima leistet. Demnächst arbeitet er etwa an einem großen Schreibtisch für das Foyer des Rockefeller Centers in New York. Dessen Oberflächen sollen aus Messing mit einer Stärke von gerade einmal zwei Millimetern bestehen. „Das wird mit Sicherheit schwierig. Die Kupferlegierung ist recht weich – und reagiert deshalb besonders empfindlich auf die Bearbeitung“, sagt Klima.

Er ist nicht der einzige Gehörlose in der Firma. Die Inhaberfamilie legt wegen persönlicher Betroffenheit besonderen Wert auf die Inklusion von Menschen, die nicht oder nur schwer hören können.

In seinem Job ist auch Geduld gefragt. Etwa bei den Edelstahlblechen, deren Oberfläche er Zentimeter für Zentimeter für die Fassade des One World Trade Centers in New York von der Sichtbarkeit der Schweißnähte befreit hat und die ebenfalls nur zwei Millimeter dick sind. Oder bei dem zwölf mal sechs Meter großen Fassadenteil für das Rockefeller Center, an dem er wochenlang gearbeitet hat.

„Basteln“ sagt Klima selbst – man könnte auch Kunst sagen

Seit 30 Jahren arbeitet er bei Pohl. Dass er nicht hören kann, ist für die Kollegen kein Problem. „Sie sprechen langsam und deutlich, so dass ich alles ablesen kann. Und ein paar Gebärden haben sie auch gelernt.“ Natürlich war es nicht von vornherein Routine für die anderen, Klima anzuschauen, wenn sie ihm etwas sagen. Alle mussten ausprobieren, wie man sich am besten verständigt. Das ist sowieso das, was Klima am liebsten macht: ausprobieren, die optimale Lösung finden. „Basteln“ nennt er das. Man könnte auch Kunst sagen.

Text: Werner Grosch; Fotos: Dennis Straßmeier