16 November 2017

Smarte Heizung, kooperative Roboter

Wie die M+E-Unternehmen Industrie 4.0 umsetzen

Smarte Heizung, kooperative Roboter

Geführte Wartungsarbeiten an einem Roboter im Viessmann-Stammhaus im hessischen Allendorf Eder: Pia Mattner, Jahrespraktikantin der örtlichen Fachoberschule, bekommt die dafür notwendigen Anweisungen über eine Microsoft Hololens.

Die vernetzte Brille verschmelzt reale und virtuelle Welt. Mattners Auge ist der Cursor auf dem Wartungsplan, der in ihr Sichtfeld projiziert wird. Mit der Hand kann sie blättern, Bilder heranzoomen oder einen Haken setzen, wenn eine Aufgabe erledigt ist. Wird es besonders knifflig, bittet sie einen Kollegen um Hilfe, der ihr dann weitere Informationen ganz gezielt einspielen und sie durch die Wartung führen kann.

Mit dem Einsatz der Hololens haben die Viessmann-Werke Augmented Reality (AR) in der Produktion gestartet. Noch ist das Engagement im Entwicklungsstadium im Rahmen von Industrie 4.0. Bei der Installation eines Prüfwerks im Werk Dachang in China wurde durch die neue Technologie jedoch schon der Reise- und Personalaufwand erheblich reduziert, weil Experten von Allendorf aus ihre Kollegen in China unterstützen konnten.

Autos kommunizieren, Heizanlagen sind internetfähig

Der Einsatz der vernetzten Brillen ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, wie intensiv die Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie die Möglichkeiten der Digitalisierung bereits nutzen. So zählen zu den Produkten des Automobilzulieferers Continental Automotive Entwicklungen für die Kommunikation zwischen Mensch und Auto, aber auch zwischen Auto und Auto.

Dazu gehören Radar- und Abstandswarner für Fahrerassistenzsysteme oder auch Head-up-Displays, die alle für das Lenken des Fahrzeugs relevanten Daten wie Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Bremsweg direkt ins Sichtfeld des Fahrers rücken. In der Produktion arbeiten Roboter nicht in Käfigen, sondern direkt neben und vor allem mit den Menschen. Das steigert die Produktivität und die Effizienz.

Buderus in Wetzlar bietet Fachfirmen schon seit Jahren ein Online-Portal an, über das die internetfähigen Heizungsanlagen ihrer Kunden aus der Ferne überwacht werden können. Störungen lassen sich so schneller feststellen und wieder in Ordnung bringen. Das System zeigt sogar an, wie der Fehler behoben werden kann, wie lange die Reparatur voraussichtlich dauern wird und welche Ersatzteile dafür nötig sind.

Zahnersatz in nur einer Sitzung

Dentsply Sirona, Technologieführer und weltweit größter Hersteller von Dentalprodukten, sorgt mit seinem Werk in Bensheim dafür, dass die Digitalisierung in Zahnarztpraxen Einzug hält. Zum Beispiel mit 3-D-Röntgen und einem CAD/CAM-System, das den Zahnersatz wie Kronen in nur einer Sitzung möglich macht: Eine Videokamera filmt dafür die Zähne ab und liefert so die Datenbasis, mit der der Zahnarzt am PC den passenden Ersatz konstruiert und anschließend gleich in der Praxis herstellt.

Auch in den Prozessketten des Werks ist die Digitalisierung ein wichtiges Thema, um schneller, flexibler und kosteneffizienter zu werden, etwa in der Logistik. So werden in Bensheim längst keine Produktionsteile mehr gehortet, sondern dank Datenverarbeitung an den Produktionslinien nur noch für eine Produktionszeit von gerade mal sechs Stunden vorgehalten. Für den zeitgerechten Nachschub sorgt ein komplett vernetztes Computersystem.

„Wer konkurrenzfähig bleiben will, muss auf Digitalisierung setzen und braucht Mitarbeiter, die mitdenken, Ideen entwickeln, die Technik beherrschen und die auch in der Lage sind, sich an die Optimierung der Prozesse anzupassen“, ist Gregor Walter, Personalchef am Standort Bensheim, überzeugt.

Wertschöpfung 4.0 gelingt nur mit motivierten und qualifizierten Mitarbeitern

Auch Wolf Matthias Mang, Geschäftsführer des traditionsreichen Maschinenbauzulieferers Arno Arnold in Obertshausen und Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbands Hessenmetall, glaubt nicht an menschenleere Fabriken durch die Digitalisierung.

„Exzellente Wertschöpfung durch Industrie 4.0 wird nur möglich mit qualifizierten und motivierten Mitarbeitern sowie Führungskräften, die das Wissen und die Ideen anderer organisieren, koordinieren und einsetzen“, betont der Unternehmer. „Digitalisierung funktioniert nur mit smarten Fabriken, die erst in der Zusammenarbeit von Mensch und Roboter intelligent werden.“

Text: Maja Becker-Mohr, Fotos: Werk