12 Oktober 2017

Sandkastenspiele für den WM-Titel

Elster schickt Azubis mit mobiler Robotik zu den World Skills

Sandkastenspiele für den WM-Titel

Mit zwei seiner Azubis hat Sören Haak zuletzt viel im Sandkasten gespielt. Sie haben einen Roboter herumfahren und Billardkugeln einsammeln lassen. An 40 Stunden pro Woche seit Mai: Der Mess- und Steuerungstechnik-Spezialist Elster, ein Unternehmen der Honeywell-Gruppe, hat ihnen sogar einen eigenen Container überlassen, damit sie ungestört im Sand buddeln können. Das Ganze hat einen ernsten Hintergrund. Die angehenden Mechatroniker Christoph Berling und Max Bosse werden Deutschland ab übermorgen bei der WorldSkills, der Weltmeisterschaft der Berufe, in der Disziplin „mobile Robotik“ vertreten.

2017 ist Abu Dhabi vom 14. bis zum 19. Oktober Austragungsort des internationalen Wettbewerbs. Rund 1.300 Teilnehmer aus 77 Ländern und Regionen messen ihr Können in 51 „Skills“ aus Industrie, Handwerk und Dienstleistungen. Deutschland schickt 42 Azubis oder frisch Ausgelernte in 37 Einzel- oder Teamwettbewerben ins Rennen. Die Teilnehmer dürfen höchstens 22 Jahre alt sein und haben meistens in ihrem Fach regionale oder nationale Wettbewerbe gewonnen.

Das Metallfahrzeug surrt, scannt ein Piktogramm an der Wand des hölzernen Verschlags, umrundet mehrere Hindernisse auf seinen Ketten und erklimmt den Sandkasten. Dann holt es eine Kugel und kippt sie unter das Piktogramm. „Aufgabe des Roboters ist es, Kinder von einem umzäunten Spielplatz zu holen und an Mutter oder Vater zu übergeben“, erzählen die Jungs, die die Maschine gebaut und programmiert haben. Die Kinder sind in ihrem Projekt bunte Kugeln und die Eltern Piktogramme. Der Roboter muss sie zuordnen können.

Azubi Max Bosse steuert ihn per Joystick. Auf seinem Bildschirm sieht er nur, was die eingebaute Kamera filmt. „Ich kann ganz knapp an den Ketten erkennen, wie ich mich parallel zur Wand ausrichten kann“, murmelt er konzentriert: „Weiter darf ich nicht rüber“. Aber der 20-Jährige hat eine sichere Hand – und viel Computerspiel-Erfahrung. Zuhause spielt er gern Autorennen. Das hilft jetzt.

Aushängeschild für die Ausbildung

„Mobile Robotik ist kein Beruf“, so Haak, der bei Elster in Lotte die Ausbildung in Elektrotechnik leitet. „Aber es ist die Königsdisziplin für Mechatroniker: Mechanik, Elektrotechnik, Programmieren – es ist alles drin“. Elster stellt keine Roboter her. Doch in der Produktion stehen sie sozusagen Schulter an Schulter. Anders wären Millionen Gaszähler pro Jahr, das Hauptprodukt des Standorts, nicht zu schaffen. Die hochautomatisierte Produktion ist mit einem ERP-System zur digitalen Ressourcenplanung vernetzt und liefert Daten für die Bedarfsplanung und Wartung der Maschinen. Die Azubis lernen für die Industrie 4.0.

Deshalb hat der Betrieb „Ja“ gesagt, als er von den WorldSkills-Organisatoren angesprochen wurde. „Es ist ein tolles Aushängeschild für unsere Ausbildung“, meint Haak. Elsters Gaszähler hängen zwar in Millionen Kellern, Zähler, Filter und Ventile steuern, messen und regeln den Gasdurchfluss und die Betriebstemperatur in industriellen Brennern. Doch kaum jemand weiß das, auch unter Berufseinsteigern ist das Unternehmen daher nicht sehr bekannt. Und für die, die bei Elster angefangen haben, ist die WM obendrein eine Gelegenheit, Einblicke in andere Fachbereiche zu bekommen, internationale Kontakte zu knüpfen und ihr Englisch zu pflegen.

Mit dem beruflichen Kräftemessen hat die Firma ohnehin Erfahrung. Bei der letzten WM in Brasilien haben Elster-Mechatroniker den 11. Platz erreicht. Letztes Jahr ist Christoph Berling sogar Europameister geworden, zusammen mit seinem Kollegen Steffen Ellerbrake. „Steffen hat schon an einer WM teilgenommen und darf nicht mehr“, sagt der 20-jährige Berling. „Aber Max lernt schnell.“. Die beiden ergänzen sich gut: Der eine hat es mehr mit der Mechanik, der andere hat die Programmiertricks drauf. Haak hatte mehrere Super-Azubis zur Auswahl. „Leistungen im oberen Drittel müssen schon sein, weil sie Einiges in der Berufsschule verpassen“, erklärt er. „Durchhalten und Teamfähigkeit sind aber noch wichtiger.“

Die Aufgaben sind von den WM-Organisatoren vorgegeben. Auch der Bausatz für den Roboter kommt von ihnen. Aber Konstruktion, Aufbau, die Ausrüstung mit zusätzlichen Sensoren, die Programmierung – all das haben Bosse und Berling gemacht. Mit Unterstützung der Kollegen: Die Metallteile wurden in der Ausbildungswerkstatt gefräst und gebohrt, Halterungen, die es nicht zu kaufen gab, selbst entworfen und auf dem 3D-Drucker gefertigt. Die kaufmännischen Azubis halfen, vorgegebene Komponenten aus dem Ausland zu besorgen, die Zollformalitäten zu erledigen und den fertigen Wettbewerbs-Roboter nach Abu Dhabi zu verschiffen.

Bei Stress und Zeitdruck ruhig und konzentriert arbeiten

Dort werden die Jungs nur zehn Minuten haben, um ihr Können zu zeigen. „Das ist extrem sportlich“, sagt Max. Sie sind auf sich allein gestellt. Eine zweite Chance gibt es nicht. 25 Nationen treten in diesem Fach an. Bisher hatten meistens die Asiaten die Nase vorn. „Sie haben spezielle Schulen für mobile Robotik und konzentrieren sich darauf, während wir nur die anwendungsspezifische Seite kennen“, sagt Christoph. Außerdem sind die Anreize ganz anders: Die asiatischen Mannschaften werden massiv vom Staat gepuscht, haben mehr Zeit für die Vorbereitung und großzügige Geschenke in Aussicht. In Deutschland trainiert man neben der eigentlichen Arbeit.

Wie stressig der Wettkampf ist, weiß Berling noch gut von den Euroskills. Damals musste ihr Roboter „Wandmalereien“ in einem engen Gang fotografieren und eine zerbrechliche Kugel aus einem Labyrinth herausholen. „Manches hat unter Zeitdruck nicht funktioniert.“ Aber es gelang noch, den Fehler zu korrigieren und 20 Punkte Vorsprung herauszuholen. „Wir hofften nicht mal auf den dritten Platz, aber es muss am Ende doch viel mehr geklappt haben, als wir wahrgenommen haben.“

Die deutsche Mannschaft wird gecoacht, wie man in Stresssituationen ruhig und konzentriert bleibt. „Das kann ich jetzt schon anwenden, wenn einfachste Dinge nicht funktionieren und ich an die Decke springen will“, sagt Max. Wenn sich der Roboter mal wieder festfährt, der PC sich aufhängt ... dann zwingt er sich, erstmal tief durchzuatmen.

Aber Spaß macht es auch. „Überstunden sind kein Problem“, behaupten die Jungs, der aufgeschobene Urlaub auch nicht. Dabei ist Max eigentlich gar kein Wettbewerbs-Typ. Sagt er. Und auch Christoph hat bisher nur im Fußball sportlichen Ehrgeiz entwickelt. „Aber an so einem internationalen Ereignis teilzunehmen, ist schon eine Riesenmotivation!“ Allein die Eröffnungszeremonie ist wie bei einer Olympiade. Und als Europameister wurde er von der Geschäftsführung höchstpersönlich am Werkstor empfangen. Passiert nicht jedem Azubi. Für Max, der im nächsten Jahr die Ausbildung beendet, macht der WorldSkills-Roboter auch einen Teil der Abschlussprüfung aus.

Text: Matilda Jordanova-Duda, Fotos: Bernhard Moll