31 August 2017

Impulse für Wölfe und Warntafeln

Verkehrsleittechniker horizont digitalisiert auch Weidezäune

Impulse für Wölfe und Warntafeln

Morgen für Morgen blinken auf Deutschlands Straßen Warntafeln, um Autofahrer vor Staus, Baustellen und Unfällen zu warnen und daran vorbeizulenken. Die Technik dafür kommt oft von horizont im hessischen Korbach. Das Familienunternehmen hat allerdings mehr zu bieten als moderne Verkehrsleittechnik: Es zählt auch zu den weltweit größten Herstellern von Weidezaungeräten. Wir haben mit Steffen Müller, dem geschäftsführenden Gesellschafter von horizont, über die Gemeinsamkeiten von Verkehrsleittechnik und Weidezaungeräten, Smart Farming und Abkalbe-Sensoren gesprochen.

Herr Müller, was haben Weidezäune mit Verkehrsleittechnik zu tun?

Es ist gar kein so großer Unterschied, ob ein elektrischer Impuls in einen Weidezaun geht oder in eine Leuchte, und für unsere Mitarbeiter ist es damit letztlich egal, ob sie unsere Verkehrsleuchten oder die Weidezaungeräte montieren.

Aber Weidezäune gab’s zuerst …

Mein Großvater, der Gründer von horizont, hat sich von dem Gedanken leiten lassen: Das geht besser. Er reparierte nach dem Krieg alle möglichen Geräte, darunter auch ein Weidezaungerät. Das fand er nicht gut und entwickelte einfach ein neues. Damit legte er schließlich den Grundstein für horizont. Später nervte es ihn, dass Straßenbaustellen mit Petroleumlampen gesichert wurden, und er konstruierte die ersten Signallampen. So bekam horizont ein zweites, wichtiges Standbein, durch das wir weiter wachsen konnten.

Wo stehen Sie heute?

Wir produzieren in mehreren Werken mit knapp 500 Mitarbeitern, davon 280 in Korbach. Zudem führen wir ein riesiges Sortiment an Tierzuchtprodukten und Reitsportartikeln. Wir zählen zu den fünf größten Herstellern weltweit von Weidezaungeräten. Neben den klassischen Weidezäunen stellen wir aber auch andere Lösungen her, zum Beispiel Abwehrgeräte: Eines unserer Abwehrgeräte gegen Tauben steht auf dem Kölner Dom, und es sind weltweit jede Menge andere Abwehrgeräte im Einsatz, ob es um den Wolf geht, um Wildschweine oder Elefanten. Unsere Erfahrung aus über 70 Jahren bieten wir als Dienstleistung an. Wir produzieren Leiterplatten, Werkzeuge oder Bauteile aus Kunststoff. Informationsleuchten in Autowaschanlagen sind deshalb oft von uns.

Was heißt das fürs Management, so breit aufgestellt zu sein?

Die Kunst ist es, bei dieser Vielfalt die Trends im Auge zu behalten, kreativ zu sein und immer wieder neue Geschäftsfelder zu eröffnen. Deren Entwicklung geschieht oft im engen Kontakt unserer oft stark spezialisierten Techniker und Ingenieure mit den Kunden. Die meisten arbeiten schon sehr lange mit uns zusammen. Einer davon ist der Flughafen Frankfurt. Dort werden Spezialprodukte gebraucht für die Landebahnen. Die testen wir sogar im Windkanal, damit sie durch den extremen Wind beim Starten der Turbinen nicht umfallen. Für Behörden, Polizei, Feuerwehr, THW haben wir Lauflicht-Signallampen entwickelt, die im Notfall ganz schnell aufgebaut werden können. Die richten sich nach einem Satelliten zeitlich exakt aus und synchronisieren sich selbstständig, so dass jede zeitversetzt und alle im exakt gleichen Abstand nacheinander immer wieder ein Signallicht abgibt. Und schließlich ist auch die Digitalisierung bei uns längst angekommen.

Was heißt das konkret?

Die Weidezäune haben auf Wunsch integrierte GPS-Sender, können per Handy gesteuert werden und geben dem Besitzer Nachricht, falls der Zaun ausfällt und die Tiere ausbrechen könnten. Wir arbeiten an smart farming, einer Plattform, die alles zusammenführt, was auf einem Bauernhof passiert. Sensoren können alles erfassen, ob Wetter, Ammoniakbelastung im Stall, Füllstand im Futtermittelsilo und mehr. Wir haben sogar einen Abkalbe-Sensor im Programm, der am Schweif einer trächtigen Kuh befestigt wird und darüber informiert, wann es losgeht und ob ein Tierarzt kommen muss. In der Verkehrsleittechnik erweitern wir den Bereich gerade um digitale Werbe- und Informationssysteme und arbeiten an der besseren Auflösung der Bilder.

War für Sie schon immer klar, dass Sie einmal die dritte Generation sein würden, die Ihr Familienunternehmen in neue Zeitalter führt?

Ursprünglich wollte ich nur ein, zwei Jahre bleiben, um horizont in die digitale Welt und ans Netz zu bringen. Doch prompt bin ich geblieben, weil mich die Arbeit hier und nicht zuletzt die Freiheit, die man als Unternehmer hat, überzeugt haben.

Fragen: Maja Becker-Mohr, Fotos: Gerd Scheffler