13 Juli 2017

„Das hier ist nicht Star Wars“

Warum die Industrie an Laser-Schutzsystemen forscht

„Das hier ist nicht Star Wars“

„Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis.“ Der berühmte Anfangssatz der Star Wars-Saga könnte von den Metropolen aus betrachtet auch auf das Örtchen Schrobenhausen zutreffen, weit entfernt im nördlichen Oberbayern. Hier, inmitten eines ausgedehnten Waldgebiets, liegt der Sitz der Firma MBDA, Spezialist in Sachen Verteidigungstechnik und ja, auch Laser. Doch was einige der rund 1.000 Mitarbeiter entwickeln, hat nichts mit Science Fiction zu tun, sondern mit Science Fact: „Das hier ist nicht Star Wars“, betont Markus Martinstetter, Vertriebsleiter für Lasertechnologie bei MBDA Deutschland. „Sondern eine Technologie, die gerade auf dem Weg zum Produkt ist.“

Konkret geht es um die Entwicklung einer neuen Abwehr gegen neue Bedrohungen: Als beispielsweise mitten im Bundestagswahlkampf 2013 in Dresden eine ferngesteuerte Drohne nur einen Meter vor Bundeskanzlerin Angela Merkel landete, war allen Beteiligten klar, welche Gefahr von den immer weiter verbreiteten Flugobjekten ausgehen kann. Dass die zum Glück harmlose Drohne von der Piratenpartei stammte – und nicht von einer Terrorgruppe –, fiel dabei kaum ins Gewicht.

„Die Dinger sind wendig und wir tun uns mit konventionellen Waffensystemen sehr schwer, uns vor ihnen zu schützen“, erklärt Martinstetter. „Drohnen können Sie für zwischen 500 und 2.000 Euro kaufen, mit einer recht ordentlichen Nutzlast. Damit kann man faszinierende Fotos machen. Man kann sie aber auch zweckentfremden.“

„Auftrag, Deutschland zu verteidigen“

Der Auftrag an die MBDA-Entwickler lautete also, kleine, schnelle und wendige Ziele vom Himmel zu holen: Gegenstände, keine Menschen. „Der Laser wird nicht dafür designt und eingesetzt, um auf Menschen zu wirken“, sagt Martinstetter. Dahinter steht der Grundsatz, den MBDA für alle Produkte reklamiert: „Unsere Kunden sind die Bundeswehr und andere Nato-Armeen. Das sind Verteidigungsarmeen“, sagt Kommunikationschef Roland Kuntze. Und Doris Laarmann, als Leiterin Neue Vorhaben quasi die Zukunftsbeauftragte für Themen wie Laser, konkretisiert: „Unsere Bundeswehr hat den Auftrag, Deutschland zu verteidigen und hat dafür eine Ausstattung. Solange wir der Meinung sind, wir brauchen eine Bundeswehr, muss sie auch die bestmögliche Ausstattung haben, um ihren Schutzauftrag zu erfüllen. Und zu jeder Bedrohung gibt es irgendwann eine Gegenmaßnahme.“

Die studierte Mathematikerin hat vor 27 Jahren beim MBDA-Vorgänger MBB angefangen, anzogen von der Forschungs- und Innovationsstärke der Branche: „Damals war es so, dass die Verteidigungsindustrie mehr gemacht hat in Sachen Forschung als andere. Das war also eine Möglichkeit, von Anfang an einen interessanten Job zu übernehmen.“ Eine Karriere bei Banken und Versicherungen hatte sie angesichts der eher überschaubaren Abwechslung ausgeschlossen: „Mir ging es darum, etwas Eigenständiges machen zu können, dass ich verschiedene Themen würde bearbeiten können. Heute ist es mein Job, die neuen Produkte vorzubereiten: Welche Technologien brauchen wir, um für die Zukunft gewappnet zu sein?“ Eben weil die Branche – auch in der öffentlichen Betrachtung – „nicht ganz ‚normal‘“ sei, sei sie im Unternehmen: „Ich bin der Meinung, dass wir eine Bundeswehr brauchen und eine Industrie, die diese Bundeswehr ausstattet. Insofern kann ich gut damit leben.“

Erfolgreiche Tests gegen Drohnen

Beim Thema Laser erforscht MBDA seit einigen Jahren, wie er auf Materialien wirkt, aus denen Drohnen oder auch Mörsergranaten bestehen. 2012 gelang es dem Unternehmen erstmals, eine Granatenattrappe, die unter einer Drohne hing, aus 2,2 Kilometern Entfernung zu erfassen und zu „beleuchten“, also mit einem zweiten Laser so zu markieren, dass die Zielerfassung aufschalten konnte. Daraufhin wurde der Hochenergielaser angeschaltet, strahlte rund drei Sekunden auf das Ziel – und setzte es in Brand. Die Drohne selber blieb heil, der Nachweis der Machbarkeit war geglückt. 2015 dann strahlte der MBDA-Laser erstmals eine Drohne vom verbreiteten Modell DJI Phantom in Brand und brachte sie zum Absturz, ein paar dutzend Male ist das seitdem noch geglückt.

 

Auf einem Firmengebäude in Schrobenhausen hat das Unternehmen ein Dachlabor errichtet. Von dort können die Entwickler mit ihrem Laser-„Demonstrator“ 500 Meter weit übers Firmengelände und durch den Wald in einen Zielbereich strahlen, auf Drohnen oder verschiedene Sprengstoffe. Der Demonstrator zieht seine Energie aus vier 10-Kilowatt-Faserlasern, „aber es reicht nicht, das dann irgendwo drauf zu richten“, erklärt Martinstetter. Vielmehr werden die Strahlen erst aufgefächert, dann auf einen Hauptspiegel reflektiert, der sie wiederum in das sogenannte Teleskop reflektiert. Darin sitzen Spiegel, die die Strahlen so lenken, dass sie sich erst direkt auf dem Ziel auf der Fläche eines Zwei-Euro-Stücks überlagern und dort die größtmögliche Energiedichte haben. Zuletzt hat MBDA einen zweiten Demonstrator entwickelt. Und der ist im Vergleich zum voluminösen Dachlabor schon so viel kleiner, dass er in einen 20-Fuß-Seecontainer passt – und sich damit viel leichter transportieren lässt.

Abhängig vom verfügbaren Budget könne das Unternehmen in drei bis fünf Jahren einen Laser serienreif haben, sagt Laarmann. Neben der Bundeswehr könnten die Abwehrsysteme dann eines Tages auch im zivilen Raum eingesetzt werden, um kritische Infrastruktur oder wichtige Persönlichkeiten vor Bedrohungen wie Drohnen zu schützen. Sollten sich allerdings Sternenzerstörer oder Todessterne nähern, dürfte es eng werden.

Text: Nicolas Schöneich; Fotos: Armin Weigel